Manager sollen flexibel sein, Das hat Bernd Pischetsrieder. seit Mai vergangenen Jahres Chef des bayerischen Autoproduzenten BMW, vom Amtsantritt an gefordert: „Wir müssen, sehr viel mehr noch als in der Vergangenheit, über Grenzen hinaus denken lernen, über mentale Grenzen ebenso wie über nationale und kulturelle.“ Aber zugleich legte er sein Unternehmen als Hersteller teurer Limousinen sowie sportiver Coupés und Cabrios eindeutig darauf fest, „daß wir Wachstum nicht als Unternehmensziel definieren. Unser Ziel ist es, mit 500 000 Autos Geld zu verdienen.“

Nur ein paar Monate später hat Pischetsrieder einige Grenzen überwunden. Das vielfach beschworene Konzernziel ist dabei auf der Strecke geblieben. Für 2,1 Milliarden Mark sicherte sich der BMW-Chef am vergangenen Wochenende achtzig Prozent aller Aktien der britischen Rover-Gruppe, die 1993 weltweit 442 000 Personenautos und Geländewagen verkaufte. Mit einem Schlag hat der Münchner Konzern, der die eigene Produktion um neun Prozent auf 534 000 drosselte, damit seine Stückzahl nahezu verdoppelt.

Der unter strikter Geheimhaltung gelandete Coup verändert die automobile Landschaft nicht nur in Europa. Zusammen mit dem letzten unabhängigen britischen Hersteller – Rolls-Royce ausgenommen – zieht BMW auf Jahre hinaus dem Erzrivalen Mercedes-Benz davon, womöglich uneinholbar. Während die Akteure bei Renault und Volvo noch die Trümmer ihrer vor wenigen Wochen gescheiterten Fusion beiseite räumen, stößt BMW mit hohem Tempo in völlig neue Märkte vor. Möglich machte das ein Vertrag mit dem Luft- und Raumfahrtkonzern British Aerospace, der die Rover-Aktien seit mehr als fünf Jahren hält und dringend Geld für Investitionen in seinen zentralen Geschäftssparten braucht. „Dieser Deal bestimmt für die kommenden zwanzig oder dreißig Jahre die Entwicklung von BMW“, ist Finanzchef Volker Doppelfeld überzeugt.

Daß sein Chef das bisherige Münchner Motto „Klein, aber fein“ so gründlich mißachtete, hat einen guten Grund: Eine solche Gelegenheit für BMW kommt nicht wieder. Das erkennen auch Manager des Konkurrenten Mercedes „neidlos“ an. Für einen Betrag, der gerade ausreicht, um in vier Jahren ein einziges Automodell neu zu entwickeln, erweitert BMW von heute auf morgen seine Angebotspalette hauptsächlich dort, wo das Unternehmen bislang nicht vertreten war: Geländewagen als immer beliebtere Freizeitmobile und Autos der unteren Klassen mit Frontantrieb.

Nach den eigenen Planungen hätte BMW-Entwicklungschef Wolfgang Reitzle frühestens in drei Jahren mit einem vierradgetriebenen Zeitgeist-Auto auf dem Markt sein können, wo Mitsubishi, Toyota, Nissan und Isuzu, aber auch Chrysler und Ford schon lange gute Geschäfte machen. Mercedes nützt mit seinem antiquierten G-Modell, das in erster Linie für militärische Zwecke und Forstbeamte konzipiert wurde, die Chancen mehr schlecht als recht und macht gerade einen zweiten Anlauf. Von 1997 an soll ein Freizeitauto in einem ebenfalls komplett neuen Werk im US-Staat Alabama gebaut werden.

Solche Mühen und Kosten kann sich BMW jetzt sparen. Mit Landrover, dem traditionsreichen Geländewagen-Ableger der neuen britischen Tochter, fahren die Münchner ab sofort ganz vorn mit, auch auf dem wichtigen amerikanischen Markt, wo allein mehr als eine Million Allradler verkauft werden; Tendenz: schnell steigend.

Während sich die hochangesehenen – und teuren – Fahrzeuge von Landrover problemlos auch über das weltweit besser ausgebaute BMW-Händlernetz verkaufen lassen, sind die Vertriebsstrategen in München überzeugt, daß die Rover-Personenwagen ihren eigenen Absatzkanal behalten sollen. Dahinter steckt ein Kalkül, das erst in Zukunft richtig zum Tragen kommen wird. BMW-Chef Pischetsrieder sieht anders als sein Mercedes-Kollege Helmut Werner ein Risiko darin, die Produktpalette der eigenen Marke preislich nach unten zu verlängern.