Von Helga Keßler

Ökologische Maßstäbe angelegt, wäre ein solches Wachstum höchst ungesund zu nennen: Im September 1991 mit einem Stab von zehn Mitarbeitern eröffnet, wuchs die Population des „Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie“ innerhalb von zwei Jahren auf das Zehnfache an. Längst reichen die Räume im denkmalgeschützten Dürerhaus am Döppersberg nicht mehr aus. Im nahegelegenen Hauptbahnhof wurden weniger schmucke Örtlichkeiten angemietet. Das Institut predigt der Gesellschaft zwar die Abkehr vom Wachstum, ist aber selbst auf Expansionskurs. „Unser Institut ist das einzige in Europa, das sich mit der globalen Dimension der Umweltkrise auseinandersetzt“, begründet Ernst Ulrich von Weizsäcker, Präsident und Geschäftsführer in Personalunion. „Wir werden auch international sehr stark gefordert“, fügt er stolz hinzu. Will sagen: Für Weizsäcker und die Wissenschaftlergemeinde, die er um sich versammelt hat und die im Lauf der nächsten Jahre noch größer werden soll, gibt es viel zu tun. Schließlich gilt es, für die Welt eine Entwicklung in Gang zu bringen, die auch nachfolgenden Generationen ein Leben auf diesem Planeten ermöglicht.

Keine leichte Aufgabe. Doch dem Land Nordrhein-Westfalen ist „die Förderung von Maßnahmen und Initiativen zur Sicherung der Klimasituation, zur Verbesserung der Umwelt und zur Energieeinsparung“ auch in Zeiten knapper Kassen viel Geld wert. In diesem Jahr fließen sieben Millionen in den Institutsetat; für die nächsten Jahre wurde sogar noch mehr in Aussicht gestellt. Davor, daß der Geldhahn eines Tages zugedreht werden könnte, hat Weizsäcker keine Angst. Selbst wechselnde politische Mehrheiten fürchtet Weizsäcker nicht. Ein Bein in der Umweltbewegung, das zweite in der Politik, betreibt er eine intensive „Kontaktpflege“. Sein Buch „Erdpolitik“, in dem er vor vier Jahren sein Programm für eine gerechtere Welt vorgestellt hat, wurde gelesen und im Prinzip auch verstanden – sogar von CDU- und CSU-Politikern. Weizsäckers Wort hat Gewicht – und er weiß das. Erst kürzlich hat er sein Amt als Vorsitzender des Kuratoriums des Dualen Systems niedergelegt und dem maroden Unternehmen zum Abschied Lernunfähigkeit attestiert.

Weizsäcker steckt seine Energie lieber in ein Unternehmen wie das Wuppertal Institut, das es sich leisten kann, „bis ins Jahr 2030 zu denken“. Die zeitlich unbefristete Finanzierung, die achtzig Prozent des Institutshaushalts abdeckt, ermöglicht es ihm, Arbeiten in Bereichen zu bezahlen, „für die die Zeit noch nicht reif ist“. Abteilungen wie „Klimapolitik“ oder „neue Wohlstandsmodelle“ wären ohne solche Fördermittel nicht finanzierbar. Dasselbe gilt für die Arbeitsgruppe „Stoffströme und Strukturwandel“ unter Friedrich Schmidt-Bleek, die nach einem neuen Bewertungsmodell für die ökologischen Folgen menschlichen Handelns sucht.

Den Output an giftigen Stoffen hält Schmidt-Bleek für sekundär. Ihn interessieren die Stoffmengen, die der Mensch bewegt, etwa im Bergbau, in der Landwirtschaft oder im Straßenbau. Als neue Meßeinheit für ökologisches Handeln will er den Verbrauch an Ressourcen wie Kohle, Erz oder Wasser, die über den gesamten Lebensweg eines Produktes oder eines Verfahrens verbraucht werden, einführen. Der Ansatz ist neu und führt trotzdem nicht zu einem überraschenden Ergebnis: Um die Ökosphäre entscheidend zu stabilisieren, muß sich die westliche Welt von der Verschwendungswirtschaft verabschieden. „Der Materialverbrauch muß in den nächsten dreißig bis fünfzig Jahren um den Faktor zehn reduziert werden“, sagt der wortgewaltige Professor, den Weizsäcker vom Umweltbundesamt abwarb. Allein, „die große Forschungswelle, die eine völlig neue Technologie hervorbringt“ und die „Wende“ einläutet, „hat noch nicht einmal begonnen“.

Ganz im Gegenteil reise die deutsche Industrie im Gefolge des Bundeskanzlers nach China, um dort ihre „Dinosaurier-Technologie“ zu verkaufen – ein Akt, den Schmidt-Bleek schlicht als „suizidal“ bezeichnet. An zukunftsweisenden Produkten hat die deutsche Industrie offenbar kein Interesse: Der besonders materialarme Kühlschrank, den die Industriedesignerin Ursula Tischner in der Arbeitsgruppe von Schmidt-Bleek entwickelte, findet keinen Abnehmer. Doch Resignation paßt nicht zu Schmidt-Bleeks Naturell. Wer Mittler zwischen Wissenschaft, Industrie und Politik spielen will, braucht einen langen Atem.

Auch Rudolf Petersen, Leiter der Abteilung Verkehr, hat es nicht einfach, mit seinen Konzepten Gehör zu finden. Seine Arbeitsgruppe denkt vor allem darüber nach, wie sich Verkehr vermeiden und reduzieren läßt. Das Problem ist genauso bekannt wie die Lösungsansätze: „Traditionelle Denkkategorien müssen aufgegeben werden“, fordert Petersen, schnellere und damit besonders viel Energie verbrauchende Transportmittel müßten teurer werden. Hier sieht Petersen sich zu Recht im „krassen Gegensatz zur herrschenden Glaubensmeinung der Verkehrspolitiker“ – und der Führungskräfte in der Industrie, möchte man hinzufügen. Weil die Bereitschaft in Kommunen, an der Verkehrssituation etwas zu ändern, am größten ist, konzentriert sich das Institut darauf, die praktischen Lösungsansätze, die sich aus der Theorie ergeben, vorerst für die Städte zu entwickeln.