Von Bartholomäus Grill

Ulundi (KwaZulu)

Prinzessin Latoya stochert mit einer Fähnchenstange in ihrem Essen herum und quengelt. Langweiliges Brathuhn! Ihr Blick fällt auf das Feuerzeug des Nachbarn. Sie windet es ihm mit solcher Macht aus der Hand, daß kein Zweifel aufkommt: Dieses eigensinnige Kind ist eine echte Buthelezi. Latoyas Großvater, Chief Mangosuthu Gatsha Buthelezi, tafelt am großen Tisch schräg gegenüber. Er ist gut aufgelegt und hat allen Grund dazu, schließlich schaut das ganze Land auf ihn und fragt sich: Wie wird der Häuptling entscheiden? Nimmt seine Inkatha Freiheitspartei (IFP) an den ersten demokratischen Wahlen in der Geschichte Südafrikas teil? Oder wird die stärkste konservative Kraft der Schwarzen dieses Weltereignis boykottieren?

Schon einmal, Herbst 1990, saßen wir hier in Ulundi beim Tee. Im Buthelezi-Raum des einzigen Hotels am Ort prophezeite uns der damalige Erziehungsminister: „Inkatha wird die stärkste Einzelpartei in Südafrika.“ Unterdessen sieht es gar nicht mehr danach aus. Jüngste Umfragen geben der IFP landesweit nur noch magere sechs Prozent. Und sogar in seinem Stammland Natal darf Buthelezi mit höchstens dreißig Prozent rechnen, obwohl er so tut, als sei jeder der acht Millionen Zulus ein geborenes Mitglied seines Wahlvereins. Macht er einfach deshalb nicht mit, weil laut Prognose der verhaßte Afrikanische Nationalkongreß (ANC) selbst in seinem Hausgarten doppelt so viele Stimmen ernten könnte?

Noch hat der 65jährige Zulu-Führer die Tür nicht zugeschlagen. Heute soll die Entscheidung fallen. Wir fahren die Buthelezi-Straße entlang, lassen den Buthelezi-Flughafen links liegen und erreichen ein großes, schattiges Zelt am Rande von Ulundi. Drinnen sitzen schwitzende Delegierte. Draußen verwandeln Hunderte von Zulu-Kriegern den Schauplatz in ein Heerlager. Der Parteitag beginnt. Es wird gesungen, getanzt, gejubelt. Ein Pfarrer verdammt den ANC, das Böse schlechthin. Ein Hofpoet überschüttet den Erlauchten mit Lobgesängen. Und überall das gleiche Bild: Buthelezi auf Transparenten, T-Shirts und Ansteckknöpfen, Buthelezi auf Medaillons, Fähnlein und Plakaten. Der Führer und seine Partei.

Buthelezi, Vorsitzender von Inkatha, Regierungschef und Polizeiminister von KwaZulu, hebt zu einer seiner gefürchteten Endlos-Reden an. „Quo vadis“ lautet das Motto, und nach wenigen Sätzen ist klar, wohin der Weg führt: in die Sackgasse des Boykotts. Der ANC, warnt Buthelezi, strebe „monolithische Macht“ an und wolle Inkatha ausrotten. „Ich sage: Genug ist genug... Ich stehe für die Selbstbestimmung der Zulu-Nation ... Ich sage nein zur neuen Verfassung... Ich sehe nicht, wie wir an den Wahlen teilnehmen können.“ Basta. Die Köpfe des Zentralkomitees der IFP nicken beifällig. Die „weißen Zulus“, hellhäutige Parteimitglieder, spenden artig Applaus, obwohl die meisten lieber wählen würden und hoffen, daß es ihnen möglichst viele, vom „Verräter“ Frederik de Klerk enttäuschte Buren gleichtun und ihr Kreuzchen bei der IFP machen. Das schwarze Fußvolk hingegen reagiert ganz im Geiste der Einheitspartei: „Asiyi, asiyi.“ – Ich gehe nicht [zur Wahl], hallt es tausendfach.

Walter Feigate, der ultrarechte weiße Chefberater Buthelezis, schürt nach. Das Ergebnis der Demokratie-Gespräche am runden Tisch, an dem zwei Dutzend Parteien und Organisationen das neue Südafrika ausgehandelt haben, könne er mit einem Wort kommentieren: bullshit. Wer wagt es da, aufzustehen und dagegenzureden? V.G.J. Matthews vielleicht? Der eher gemäßigte, kompromißfähige Mann tritt ans Rednerpult. Die IFP sei eine demokratische Partei und werde das Thema Wahlen nun offen debattieren – unter Ausschluß der Öffentlichkeit. „Laßt uns die Presse hinausjagen!“ ruft Matthews.