Von Claus Noé

Haben ausgerechnet die Deutschen die Lust an der Arbeit verloren? Gehen der postindustriellen Gesellschaft die Erwerbschancen aus? Gibt es zu viele Möglichkeiten, ohne Arbeit auf Kosten anderer zu leben? Arbeiten in Zukunft nur noch die Dummen, die Süchtigen und die Gierigen? Wie frei ist eine Gesellschaft, in der Millionen von Bürgern von der Zuteilung der Einkommen durch den Staat abhängen? Was ist von einer Wirtschafts- und Finanzpolitik zu halten, die in eine tiefe, lange Rezession schlittert, Rekordarbeitslosigkeit tatenlos wie ein Naturereignis hinnimmt, aus der aber angeblich – so Wirtschaftsminister Günter Rexrodt – die Republik gestärkt hervorgehen soll? Wer ist gestärkt, wer hat verloren? Steigert ein lang anhaltendes Defizit von vier, von sechs Millionen Arbeitsplätzen die Lust an der Arbeit? Oder wächst die Gewöhnung an den Transferstaat?

Not lehrt nicht nur beten, sie läßt keinen anderen Ausweg als arbeiten. Wenn, wie nach 1945, den Deutschen nichts anderes übrigbleibt als Disziplin und Fleiß, dann braucht es keine höhere Sinnstiftung für die Erwerbsarbeit. Der preußischlutherische Überbau von Glaube und Gehorsam rechtfertigt sogar die Fron. In Zeiten der Not, wenn Essen, Kleidung und die Dächer über den Köpfen fehlen, sind auch die ethischen Bedürfnisse der Katholiken an die Sinnhaftigkeit der Arbeit erfüllt. Der rheinisch-katholischen Republik fiel nach 1945 ein Arbeitsethos zu, das, menschliche Schuld büßend, zugleich sinnhaft war und mit preußisch-lutherischer Bereitschaft zum Dienst realisiert wurde. Es war ein großer Schritt zur Freiheit, nur arbeiten zu müssen und nicht schießen.

Erst von 1960 an etwa fand jeder, der ernsthaft wollte, einen Arbeitsplatz. Diese selige Zeit der Vollbeschäftigung währte um die fünfzehn Jahre, bis 1975. Unterbrechen von einer – aus heutiger Sicht – harmlosen Rezession mit knapp einer Million Arbeitslosen 1966/67. Nur mit der Herrschaft der Konservativ-Liberalen, die die Rezession „gewollt“ hatten – so der seinerzeitige Wirtschaftsminister Kurt Schmücker –, hatte es ein Ende. Sozialdemokrat Karl Schiller brachte die Sache mit der Wirtschaft in Ordnung.

Es liegt auf der Hand, daß intelligente Menschen, seit 1960 zumindest, fragten, wofür sie denn weiter arbeiten sollten und immer effizienter, wenn der Tisch gedeckt ist. Sei es, weil die Eltern fleißig weiter wirkten und der Brut die eigene schwere Jugend ersparen wollten, sei es, weil der Staat bei wachsender Wirtschaft denjenigen viel abnahm, die arbeiteten – um es denjenigen zu geben, die nicht, noch nicht, nicht mehr arbeiteten. Nicht weil sie nicht könnten, sondern weil sie anderen Lustgewinn der Erwerbsarbeit vorziehen. Von denjenigen, denen geholfen werden muß in einer zivilisierten Gesellschaft, ist hier nicht die Rede. Selbstverständlich soll auch der essen, der nicht arbeitet; aber eben karger, damit sich Fleiß lohnt.

Es ist leicht, streng zu sein, wenn man selber nichts hat, wie die malochenden Väter und Mütter in den fünfziger Jahren. Es ist viel komplexer, bei voller Tasche Söhnen und Töchtern den Scheck zu sperren, wenn sie im 16. oder 17. Semester noch immer das Lebensgefühl universitärer Unbeschwertheit genießen wollen. Ähnlich ist es in der Politik, wenn diejenigen, die nicht arbeiten wollen, mit zu höheren Zwecken gebündelten Wählerstimmen auf die von Doofen und Fleißigen gefüllte Staatskasse losziehen.

Hier hilft in der Not der Kassen nur eine „Politik der Strenge“, nicht aber der Kahlschlag. Gewiß ist bei den Nachdenklichen nicht vorweg Faulheit, Disziplinlosigkeit im Spiel. Die Unlust an der Maloche der Alten findet respektable Begründungen. Macht es Sinn, immer mehr anzuhäufen, immer mehr zu konsumieren, statt sich selber zu verwirklichen? Macht es Sinn, der Erde immer mehr Güter abzufordern und sie zu Las ten der Enkel und Urenkel zu überfordern? Die Sinnfrage ist auf hohem Wohlstandsniveau nur zu angemessen. Einsichtig aber ist auch, daß die Begründung, wir wollen nicht an weiterer Produktion mitarbeiten, um das ökologische Gleichgewicht zu wahren, eine Ausrede der Verwöhnten sein mag, die die Ökonomie aus dem Gleichgewicht bringen muß. Mit der Folge, daß der Wachstumszug stehenbleibt und die neue Not wieder arbeiten lehrt, und zwar fast alle und ohne Rücksicht auf die Umwelt.