Von Wilfried Herz

Die nackten Zahlen erinnern an Weimarer Verhältnisse: Rund vier Millionen Menschen sind als Arbeitslose registriert – so viele wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Darüber hinaus werden über zwei Millionen auf Kosten des Arbeitsamtes beschäftigt, weitergebildet, umgeschult oder sind vorzeitig in den Ruhestand geschickt worden. In Deutschland fehlen also mehr als sechs Millionen Arbeitsplätze. So viele Erwerbslose waren – eine furchterregende Parallele – auch im Deutschen Reich zu Beginn der Jahre 1932 und 1933 gemeldet.

Trotz der erschreckenden Bilanz, die der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit kommende Woche für den Januar vorlegen muß, und trotz der Ähnlichkeit der Zahlen ist Deutschland im vierten Jahr der wiedergewonnenen Einheit nicht mit der zusammenbrechenden Weimarer Republik gleichzusetzen. Damals betrug die Arbeitslosenquote (wegen der geringeren Bevölkerungs- und Erwerbstätigenzahl) über dreißig Prozent, im Deutschland des Jahres 1994 wird sie rund zehn Prozent erreichen knapp neun Prozent im Westen und über fünfzehn Prozent im Osten. Noch schwerer aber wiegt: Die Not der Arbeitslosen war Anfang der dreißiger Jahre unvergleichlich größer, auch wenn niemand die Probleme der heutigen Erwerbslosen verharmlosen darf.

Gleichwohl greift die Formel „Bonn ist nicht Weimar“, mit der Helmut Kohl die Bürger beschwichtigt, zu kurz. Die Schleifspur der Krise wird immer tiefer. Keine Gesellschaft kann Massenarbeitslosigkeit auf Dauer verkraften. Steigende Kriminalität, Fremdenhaß, zunehmender Rechtsradikalismus haben ihre Ursache auch in der Vernichtung beruflicher Existenzen und im Mangel beruflicher Perspektiven für junge Menschen. Massenarbeitslosigkeit ist eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden. Sie ist außerdem auch ökonomisch verhängnisvoll, weil sie selber immer stärker das Wachstum und den künftigen Beschäftigungszuwachs bremst.

Zum einen müssen die Empfänger von Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe gezwungenermaßen ihren Konsum einschränken; damit verschlechtern sie die Absatzmöglichkeiten von Handel, Handwerk und Industrie. Zum anderen müssen die noch verbliebenen Arbeitsplatzbesitzer und ihre Arbeitgeber immer mehr Arbeitslose durch Beiträge und Steuern alimentieren – und das wiederum macht die Arbeit noch teurer, verstärkt also den Druck in Richtung Arbeitsplatzabbau um ein weiteres. Ein Teufelskreis!

Allein auf den Aufschwung von irgendwoher zu hoffen reicht aber nicht aus, auch wenn erste vage Anzeichen für eine leichte Besserung sprechen. Selbst wenn die von der Regierung vorausgesagte bescheidene konjunkturelle Erholung tatsächlich einsetzen sollte, wird die Arbeitslosigkeit in diesem Jahr noch kräftig zunehmen. Mag sein, daß viele Unternehmen in der Krise zu sehr auf die Senkung ihrer Kosten fixiert sind und deshalb bei der Verminderung ihrer Belegschaften überreagieren. Doch darf man nicht darauf hoffen, daß sich diese Übersteuerung bald von selbst wieder ausgleichen werde. Schon die vergangenen Konjunkturzyklen hinterließen einen immer höher werdenden Sockel an Arbeitslosen. Nicht einmal in den Wachstumsphasen wurden die Zahlen wieder auf den alten Stand gedrückt.

Was ist also zu tun? Instrumente zur kurzfristigen Konjunktursteuerung stehen der Regierung angesichts der leeren Kassen nicht zur Verfügung. Die Bundesbank hat mit den Zinssenkungen der zurückliegenden Monate ihren möglichen Beitrag weitgehend geleistet – wenn auch verspätet und noch nicht im vollen Ausmaß. Notwendig ist eine Doppelstrategie, die erstens mehr Wachstum und mehr Arbeit schafft und die zweitens die Arbeit auf mehr Hände und Köpfe verteilt.