Von Michael Schwelien

Wenn Arno Will kurz vor sieben aufgestanden ist, stellt er als erstes zwei Babyfläschchen mit Ovomaltine in die Mikrowelle. Susanna, genannt Susemil, ist zwar schon sechs Jahre alt und Sebastian, Basti, acht. Aber es gehört zum morgendlichen Ritual, wie auch zum abendlichen, daß die beiden Kinder, die zwar eigene Zimmer haben, aber lieber zusammen im Hochbett des Jungen schlafen, den heißen Krafttrunk nuckeln. Beate Betzler-Will hat schon einige Kämpfe mit Freunden und Bekannten darüber ausgetragen, ob es richtig ist, so großen Kindern noch Fläschchen zu geben, aber: „Mein Gott, wenn die Würmchen es doch wollen?“

Ihr Mann setzt sich an den Eßtisch, der praktischerweise neben einer Durchreiche aus der Küche steht. Kaffee aus der Thermoskanne, zwei Scheiben Graubrot, den Schnittkäse direkt aus dem Einwickelpapier – es ist sein Vorrecht, „in Ruhe“ zu frühstücken, schließlich geht er gleich zur Arbeit.

Susemil und Basti kommen in Schlafanzügen die Treppe hoch. Unten, im Souterrain, befinden sich ihre beiden Kinderzimmer, ebenso das Schlafzimmer der Eltern, das Arbeitszimmer, die Abstellkammer mit der Waschmaschine, der Heizungsraum und die Garage, in der aber keines der beiden Autos abgestellt ist. Oben ist, sieht man von Bad und Gästetoilette ab, ein einziger Raum – Küche, Eßzimmer und Wohnzimmer –, der auch als Spielzimmer herhält, wovon kistenweise Lego- und Duplobausteine zeugen. Susemil kaut an einer Scheibe ungerösteten Toasts, Basti hat seine erst in den Toaster geschoben.

Die Mutter fragt aus der Küche, ob wirklich alle Hausaufgaben erledigt seien. Mit mißbilligendem Blick wirft sie den H-Milch-Karton, den ihr Mann nach Erfüllung seiner Haushaltspflicht stehengelassen hat, in den Abfall. Sie meint, er wüßte ohnehin nicht, in welche der drei Trennmülltonnen die mit Plastik ausgekleidete Pappe gehöre. Ein Gedanke, mit dem sie ihn entschuldigen möchte, was aber nicht nötig ist, denn er wiederum glaubt, daß, egal was er tue, sie immer der Auffassung bleibe, er schaffe nur Unordnung im Haushalt.

Arno Will liest den Wirtschaftsteil, danach die Politik in der Main-Spitze, Beate Betzler-Will liest das Lokale. Er will wissen, was über die Autoindustrie geschrieben wird, bleibt an dem Artikel über Volkswagen hängen, schließlich ist er Ingenieur bei Opel. Sie sucht in dem Teil, den er ihr hinübergereicht hat, nach Meldungen über Kindergarten und Schule, vor allem aber nach einem Photo vom Schwimmwettbewerb. Schließlich ist sie stolz, daß Susanna eine silberne und Sebastian eine bronzene Medaille in dem Schwimmwettkampf gewonnen hat, der vom Konkurrenzblatt Darmstädter Echo veranstaltet worden war. Doch nichts davon in der Main-Spitze, die sie als einzige Tageszeitung halten. Sie wird später im Schreibwarenladen das Echo durchblättern, um dann, weil dort ihre Kinder abgebildet sind, davon drei Exemplare zu kaufen.

Heute früh ist es ein Leserbrief, der sie bewegt. Ein örtlicher CDU-Politiker wettert über den Pfarrer. Der Gottesmann solle sich in diesen schweren Zeiten doch um Wichtiges kümmern, nicht um Lappalien. Man muß die Hintergründe kennen, um den Leserbrief zu verstehen: Seit der Zeit, da die Deutschen sich noch vor den Mittelstreckenraketen ängstigten, hängen an den Ortseingängen der – ehemals – sozialdemokratischen südhessischen Gemeinde Schilder mit der Aufschrift: „Nauheim ist gegen Atomwaffen“. Nun aber wurden diese Insignien der Friedfertigkeit von irgendwelchen Vandalen mit Hakenkreuzen beschmiert, und der Pfarrer tat öffentlich seine Befürchtung kund, unter der Ägide des per Direktwahl (58,1 Prozent der Stimmen) ins Amt gekommenen CDU-Bürgermeisters werde die Gelegenheit wahrgenommen, die Schilder einfach ganz verschwinden zu lassen.