Von Gabriele Venzky

Zuweilen huscht ein Lächeln über das brütende, meist mürrische Gesicht. Als Premierminister eines Landes wie Indien hat P.V. Narasimha Rao zwar noch immer nichts zu lachen, doch der 72jährige ist mit sich zufrieden. Vor ein paar Monaten noch stand seine politische Karriere auf Messers Schneide. Die hindufaschistische BJP schien unaufhaltsam auf dem Vormarsch; in der Congress-Partei probte die jüngere Generation den Aufstand gegen ihren unbeweglichen Chef; an den Rändern des Riesenreiches, in Kaschmir wie im Fernen Osten, tobten blutige Unabhängigkeitskriege; und das Jahrhundertwerk, die Umwandlung der indischen Wirtschaft von einer sozialistischen Planwirtschaft nach sowjetischem Vorbild in eine liberale Marktwirtschaft, war ins Stocken geraten. Es stand schlecht um Narasimha Rao und sein Land.

Das hat sich nun gründlich geändert. Der indische Premier, der in dieser Woche bereits zum zweiten Mal in seiner erst dreijährigen Amtszeit nach Deutschland kommt, um für sein Land und dessen Wirtschaftspotential zu werben, sitzt wieder sicher im Sattel. Der Siegesmarsch der Hinduchauvinisten ist, wenigstens vorläufig, gestoppt. Bei den großen Teilwahlen im Herbst stimmten die Inder, anders als die Russen, nicht für die Faschisten, obwohl auch in Indien der Umbruch äußerst schmerzhaft ist. Das Votum gegen die BJP war allerdings kein Votum für Rao – was die Congress-Partei leider nicht begriffen hat: Sie ergeht sich nun in Lobeshymnen auf die „einfallsreiche, weise und reife Führung“ ihres Parteichefs. Weise und reif verhielten sich die Massen der Analphabeten, die demokratisch und pluralistisch stimmten. Auch die Congress-Partei verlor die Herzlande der Hindus, dramatischer noch als die BJP.

Die Wahlen, so hatte Rao gesagt, würden darüber entscheiden, ob Indien weiter nach den traditionellen Regeln regiert werden solle. Die Wähler im volkreichen Norden haben dagegen entschieden. Alteingefahrenes genügt nicht mehr in einer Zeit, in der das Land die größten gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Veränderungen seiner Geschichte erlebt und sich die alten Machtstrukturen rapide auflösen. Die Außenwelt bricht mit aller Macht in die abgeschirmte Festung Indien ein. Der Fortschritt wird nicht mehr vom schwerfälligen Rad des Ochsenkarrens diktiert, sondern vom Tempo der Coca-Cola-Kultur und von den Serien des Satellitenfernsehens.

Ausgerechnet in dieser Zeit, in der so viel für Indien auf dem Spiel steht und das Land entweder im Chaos enden kann oder in einer neuen Zeit prosperierenden Aufschwungs, regiert in Delhi ein Mann, der noch ganz ein Macher und Manipulator der alten Schule ist. Entscheidungen geht er lieber aus dem Weg, Probleme versucht er auszusitzen. Denn daß Narasimha Rao nun seine volle Amtszeit bis 1996 durchstehen wird, gilt als sicher. Dank ein paar Überläufern besitzt er endlich eine Mehrheit im Parlament. Die Kritiker in den eigenen Reihen wurden zum Schweigen gebracht.

Für Indiens Zukunft entscheidend sind zwei Fragen: Gelingt der Übergang von der alten zur neuen Gesellschaftsordnung ohne fürchterliche Kasten- und Klassenkämpfe? Werden die über den Religionskrieg ins Stocken geratenen Wirtschaftsreformen so zügig weitergeführt, daß das Land gegen die bisher weitaus flexibler auftretende Konkurrenz, etwa aus China, aber auch aus Vietnam, bestehen kann? Mehr als 900 Millionen Menschen tragen den Verteilungskampf mit immer härteren Bandagen aus. Das Stück Kuchen, um das sie sich streiten, muß größer werden. Daß das mit den herkömmlichen Methoden nicht mehr möglich ist, hat der indische Premier wohl begriffen, nicht aber, daß ihm kaum noch Zeit bleibt.

Bei den jüngsten Wahlen hat sich in Indiens völkreichstem Bundesstaat offenbart, daß die mächtige alte, westlich orientierte Elite der Brahmanen, zu der auch Narasimha Rao gehört, rapide an Bedeutung verliert. Denn in Uttar Pradesh mit seinen 160 Millionen Menschen kam ein Bündnis aus Vertretern der niedrigen Kasten mit den unberührbaren Dalits an die Macht – ein Trend für die Zukunft. Die Allianz der Armen, also die Kombination von rückständigen Kasten, Unberührbaren und Muslimen, ist schon arithmetisch unschlagbar. Sie machen zusammen achtzig Prozent der Bevölkerung aus. Alle gehörten sie einmal zum treuen Wählerreservoir der Congress-Partei. Die hat sie nun verloren. Die Unterdrückten wie auch die neureichen Aufsteiger besinnen sich auf ihre eigenen Möglichkeiten. Zunehmende, meist blutige Konflikte zwischen der sterbenden alten Gesellschaft und der aggressiv aufsteigenden neuen werden sich allein dann vermeiden lassen, wenn den Indern eine bessere wirtschaftliche Zukunft nicht nur versprochen, sondern auch geboten wird.