Nominiert wurde er am Sonntag, vereidigt am Montag. Ein Blitzstart ohne demokratische Legitimation, allein mit dem Segen der Armee, die seit der Unabhängigkeit 1962 Algeriens Politik bestimmt. Dennoch erhält der neue Staatspräsident Liamine Zeroual in der algerischen Presse gute Noten: Er gilt als Mann mit Prinzipien, kompetent und integer, ohne Willen zur Macht um jeden Preis. Kritisiert wird sein gelegentlich autoritäres und impulsives Verhalten – vielleicht die Kehrseite dieses still und verschlossen wirkenden Mannes. Der pensionierte General absolvierte die Militärhochschulen in Moskau und Paris und machte rasch Karriere in der Armee, fiel aber vorübergehend in Ungnade. Zur Überraschung der Öffentlichkeit wurde Zeroual im Juli 1993 zum Verteidigungsminister ernannt.

In seinem neuen Amt erwarten den 52jährigen schier unlösbare Aufgaben. Algerien steht am Rande eines Bürgerkrieges – das Ergebnis verfehlter Regierungspolitik und mangelnder Bereitschaft der Armee, die Macht mit anderen gesellschaftlichen Kräften zu teilen. Um den erwarteten klaren Sieg der fundamentalistischen Islamischen Heilsfront (FIS) bei den ersten freien Parlamentswahlen zu verhindern, verhängten die Generäle im Februar 1992 den Ausnahmezustand. Die FIS wurde verboten, ihre Führer verhaftet. Islamistische Aktivisten gingen in den Untergrund und überziehen seither das säkulare Algerien mit Terror und Gewalt. Das Militär schlägt zurück, bislang gab es über 3000 Tote.

Auf politischer Ebene sollte ein von der Armee eingesetzter „Hoher Staatsrat“ aus fünf Militärs und Zivilisten eine „Übergangsphase“ einleiten, die eine Rückkehr zu „geordneten Verhältnissen“ erlauben würde. Ohne Erfolg. Die Amtszeit des Rates endete am 31. Januar; bis zum letzten Augenblick war die Nachfolge ungeklärt. Liamine Zeroual, der Phoenix aus der Asche, führt Algerien nun in eine neue „Übergangsphase“, an deren Ende, nach drei Jahren, freie Präsidentschafts- und Parlamentswahlen geplant sind.

Alles hängt ab von der Frage, ob die fundamentalistische Gewalt eingedämmt werden kann. Zeroual wird eine doppelte Strategie verfolgen. Zum einen dürfte die Armee auch weiterhin mit unerbittlicher Härte gegen tatsächliche und vermeintliche FIS-Aktivisten vorgehen – dafür spricht, daß Zeroual Verteidigungsminister bleibt. Andererseits hat er in seiner Antrittsrede betont, Algerien benötige einen „wahrhaftigen Dialog mit allen gesellschaftlichen Kräften“ – einschließlich der inhaftierten FIS-Führer, wie algerische Zeitungen vermuten. Doch die FIS ist längst keine einheitliche Bewegung mehr, der fundamentalistische Untergrund spaltet sich in mehrere Richtungen und Fraktionen, die teilweise untereinander Krieg führen. Ohne wirtschaftlichen Aufschwung und die glaubwürdige Bereitschaft der Armee, ihre Korruption und Vetternwirtschaft auf ein erträgliches Maß zu reduzieren und die politische Macht mit anderen zu teilen, wird Zeroual ebenso an den Fundamentalisten scheitern wie vor ihm der Staatsrat.

Das Dilemma ist, daß die politische Krise die wirtschaftliche bedingt. Die Gewalt führt zum Auszug ausländischer Investoren, die weiterhin fallenden Ölpreise verschärfen die ohnehin dramatische Wirtschaftslage. Algerien steht am Abgrund; ohne europäische Finanzhilfe kann das Land nicht überleben. Mit Verbitterung registrieren algerische Intellektuelle, daß Rebah Kebir, Präsident der „FIS-Exekutive im Ausland“, in Deutschland als politischer Flüchtling lebt und seine publizistischen Tiraden ungehindert verbreiten darf. „Die Welt möge wissen, daß die Tage des algerischen Regimes gezählt sind“, erklärte Kebir am Montag in Aachen.

Michael Lüders