REGENSBURG. – Erst waren die Ohrringe und die silbervergoldeten Dessertteller dran, dann die intarsiengeschmückte Amarant-Kommode und der Château Lafite, nun kommen die Bücher an die Reihe – der Ausverkauf von Fürstin Gloria zu Thurn und Taxis geht weiter. Seit einiger Zeit verhandelt die Erbin des milliardenschweren Privatbesitzes mit Bayern über einen Verkauf der Hofbibliothek in Schloß St. Emmeram, die mit ihren über 200 000 Bänden als größte Privatbibliothek der Welt gilt. Freilich soll von diesen Verhandlungen niemand wissen: Das Fürstenhaus, seit dem süffisanten Presseecho früherer Gloria-Eskapaden ohnehin nicht sehr mitteilungsfreudig, reagiert mit der Zurückhaltung von Trappisten.

Genauso einsilbig reagiert das Kultusministerium in München, Glorias Verhandlungspartner. Auch die in Rede stehende Ankaufssumme von dreißig Millionen Mark möchte man dort nicht bestätigen, allerdings auch nicht für alle Zeiten dementieren. Am geschicktesten sei es, so lautet der Rat, über die geplante Transaktion im gegenwärtigen Stadium nicht zu berichten.

Dabei war es ausgerechnet Kultusminister Hans Zehetmair, der das Spekulationskarussell in Gang setzte, als er beim letztjährigen „Dies academicus“ der Regensburger Universität einen Ankauf der fürstlichen Hofbibliothek durch den Freistaat Bayern in Aussicht stellte. Damit war die Katze jedenfalls aus dem Sack, und alle halbherzigen Dementis nach zwei entsprechenden dpa-Meldungen änderten daran nichts. Inzwischen wird vom Kultusministerium sogar eingeräumt, daß ein Vertrag zur Führung der Verhandlungen geschlossen sei. Unklar seien freilich noch Zeitpunkt und Preis des Ankaufes. Das Poker, das ist klar, hat längst begonnen, und der Freistaat ist dabei, nach der Erbschaftssteuer noch ein bibliophiles Schnäppchen in Form einer wohlgeordneten Büchersammlung zu machen.

Festzustehen scheint immerhin, daß die Bibliothek in jedem Fall im Regensburger Schloß bleiben soll, sehr zur Erleichterung Martin Dalimeiers und des Bibliothekspersonals. Ein Abschied von der beschaulichen Domstadt würde ihm sehr schwerfallen, läßt der Bibliotheks- und Archivdirektor durchblicken, denn „man hat doch eine emotionale Verbindung zu seiner Arbeit“. Die ließe sich freilich auch nach München transferieren; wie dem vorsichtig seine Worte wägenden, promovierten Archivar auch durchaus hewußt ist daß eine Übernahme seines Instituts in den Staatsdienst („Natürlich nur mit meinem Personal“) durchaus seine Vorteile hätte. Der sichere Arbeitsplatz, ein fester, allen aristokratischen Gemütsschwankungen enthobener Anschaffungsetat, verbunden mit einer Bestandsgarantie – alles Perspektiven, die Dallmaier durchaus zu schätzen wüßte.

Worin besteht nun der besondere Wert der fürstlichen Sammlung, die wie ein Allerheiligstes im Zentrum von Schloß St. Emmeram untergebracht ist, überwölbt von einer Kuppel mit einem prachtvollen Deckenfresko des bayerischen Kirchenmalers Cosmas Damian Asam? Nun, sie ist vor allem im Lauf der Zeit zu einer Regensburger Kulturinstitution geworden, die ganz nebenbei die Volksnähe des Hauses Thurn und Taxis dokumentiert. Seit ihrer Eröffnung war die Hofbibliothek stets der Allgemeinheit zugänglich, und noch heute wird mit Stolz vermerkt, daß nie irgendwelche Gebühren erhoben wurden.

Die wissenschaftliche Bedeutung der über 200 000 bibliographischen Einheiten, wie das etwas hölzern im Bibliothekarsdeutsch heißt, leitet sich hauptsächlich aus kostbaren, bis ins Mittelalter zurückreichenden Handschriften und Büchern aus der Frühzeit des Buchdrucks ab sowie aus einer umfassenden Musikbibliothek zur Hofmusik des 18. Jahrhunderts. Daneben gibt es wertvolle Einzelstücke wie die 1370 entstandene Weltchronik von Jansen Enikel, ein frühes Fragment des Alten Testaments aus dem Jahr 835, die erste außerhalb von Mannheim verbreitete Auflage von Schillers „Räubern“ sowie Zeugnisse einer frühen Frauenliteratur zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Beinahe schon selbstverständlich bei einer Bibliothek der Thurn und Taxis ist ein breites Spektrum zu Entstehung und Entwicklung des Postwesens. Hier wird besonders deutlich, daß diese Sammlung natürlich vor allem eines ist – eine monumentale Familienchronik.

Diese will sich nun, alle kulturgeschichtliche Sentimentalität beiseite schiebend, Bayern einverleiben.

Sic transit gloria mundi. Dietmar Bruckner