Die Euphorie des Jahres 1993 an der deutschen Börse ist im Januar einer plötzlichen Ernüchterung gewichen. Nach einem Kursrückgang bis zu 200 Punkten im Deutschen Aktienindex (Dax) tauchten bange Fragen auf. War’s das? Ist der Boom zu Ende?

Ähnliche Fragen stellen sich Investoren, die ihre Spargroschen in Aktien der Wachstumsmärkte Asiens angelegt haben. Gerade erst hatten die Börsen von Hongkong, Singapur, Malaysia und Thailand den dort anlegenden Regionalfonds Spitzenrenditen von teilweise über hundert Prozent beschert, da brachen die Kurse zu Jahresbeginn jäh ein. Verblüffte Beobachter rätseln, ob die Amerikaner, die dort 1993 mit Aktienkäufen in Milliardenhöhe die Kurse in schwindelnde Höhe getrieben haben, jetzt Kasse machen.

US-Investoren haben auch die Kurse an der deutschen Börse maßgeblich beeinflußt. Da Sparbücher und Schatzwechsel in den Vereinigten Staaten nur noch Minizinsen abwarfen, steckten die Amerikaner etliche Milliarden Dollar in Aktienfonds. Ein Großteil davon floß nach Europa und Asien und trieb dort die Kurse hoch. Allein in den Monaten Mai bis November verzeichnete die Deutsche Bundesbank Netto-Aktienkäufe durch Ausländer für über achtzehn Milliarden Mark.

Doch der amerikanische Markt wird bald ergiebiger. So erwartet beispielsweise die Deutsche Bank, daß der Zentralbankrat der amerikanischen Notenbank spätestens im April 1994 die Zinszügel leicht anziehen wird – und sei es auch nur, um die Entschlossenheit zur Inflationsbekämpfung zu demonstrieren. Eine echte Gefahr, daß die Inflation (1993: drei Prozent) spürbar zunimmt, sei kaum zu entdecken, meint die Westdeutsche Landesbank.

Wenn die Amerikaner am Heimatmarkt wieder höhere Renditen erzielen, könnte der Strom ihrer Spargelder ins Ausland versiegen. Dafür spricht auch die Tatsache, daß der Wechselkurs des US-Dollars seit Monaten wieder steigt. Dabei wird die US-Währung nicht nur durch die Tatsache gestärkt, daß amerikanische Staatsanleihen schon jetzt höhere Renditen abwerfen als deutsche. Wenn die US-Industrie bei wachsenden Investitionen einen größeren Anteil der Spargelder benötigt, bleibt für das Ausland nicht mehr viel davon übrig. Da sich ausländische Investoren im vergangenen Jahr auch am deutschen Rentenmarkt mit Rekordsummen (Januar bis November: 207 Milliarden Mark) engagiert haben, dürfte der Zinsrückgang in Deutschland ins Stocken geraten, wenn das Interesse der ausländischen Geldgeber nachläßt. Und das hätte auch negative Rückwirkungen auf die deutschen Aktienkurse.

David C. Roche, Londoner Anlagestratege von Morgan Stanley, der im Juli 1993 zu den Auslösern der deutschen Börsenhausse zählte, hält deshalb sogar einen Crash oder Kursverfall in diesem Jahr für wahrscheinlich: „Die europäischen Aktienmärkte werden das Jahr 1994 auf dem Niveau beenden, auf dem sie begonnen haben, aber dazwischen wird es ein tiefes Loch geben.“ Behält der britische Investmentstratege recht, dann stehen den deutschen Anlegern schwierige Monate bevor. Da auch festverzinsliche Wertpapiere derzeit nur Magerrenditen aufweisen, wären an der Börse anstelle der Spitzengewinner des vergangenen Jahres (Automobilwerte, Maschinenbau, Versicherungen) jetzt defensive Aktien ratsam, die durch ihre hohen Dividendenrenditen gegen Kurseinbrüche abgesichert sind, wie beispielsweise Banken, Chemie, Versorgungswerte,