Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau

Es war entwaffnend und entspannend, bei diesem Staatsoberhaupt hereinzuschauen. Stanislaw Schuschkjewitsch, dessen Amtssitz in Minsk einer bescheidenen Sparkassenfiliale glich, machte sich mit einem alten Füllfederhalter sorgfältig Notizen. Und der bedächtige Physiker blühte auf, wenn er – wie ein gutmütiger Lehrer vor der Schulklasse – über die Abschaffung der Atomwaffen sprechen konnte. Das Teufelszeug wollte er weghaben aus seiner von wechselnden Unterdrückern geschundenen Heimat Weißrußland. Die Wirtschaft wollte er reformieren, den Staat demokratisieren, das Land unabhängig und neutral halten.

Damit stand er von Anfang an ziemlich allein da. Ohne Hausmacht gegen die Mehrheit der Kommunisten und alten Betriebsdirektoren. Ohne nennenswerte Bürgerbewegung bei den zehn Millionen Weißrussen, die – konservativ und politisch abstinent – mit ihren Kommunisten auskamen. Wäre Tschernobyl den Weißrussen nicht aus nächster ukrainischer Nachbarschaft so furchtbar ins Haus geweht, dann hätte die Perestrojka das Land überhaupt nicht berührt, dann wäre der Physiker Schuschkjewitsch nie Politiker geworden. Nur weil der heute 59jährige Dichtersohn nicht mitmachte, als das weißrussische Parlamentspräsidium 1991 den August-Putsch gegen Jelzin unterstützte, wurde er Präsident. Als solcher war er fast schon zum Überlebenskünstler geworden, bevor ihn die Meute um den altkommunistischen Ministerpräsidenten Kebitsch vergangene Woche nach monatelanger Hetzjagd zur Strecke brachte. Insofern ist das Geschehen in Weißrußland kein Resultat der konservativen Wende in Moskau – die wegen der Fehlkalkulation von Jegor Gajdar, Jeffrey Sachs und Co. unvermeidlich geworden war –, sondern parallel dazu erfolgt. Als die Minsker Parlamentarier Schuschkjewitsch mit 209 gegen 36 Stimmen abgewählt hatten, riefen sie ihm nach: „Das war die Rache für die Zerschlagung der Sowjetunion.“

In Weißrußland hatten im Dezember 1991 die drei slawischen Präsidenten Jelzin, Krawtschuk und Schuschkjewitsch das Ende der Sowjetunion verkündet. Drei Jahre später nun kehrt Weißrußland praktisch heim ins postsowjetische, neokommunistische Reich. Der neue, erzkonservative Präsident und Exmilizgeneral Mjetschislaw Grib befürwortet die Währungsunion und einen kollektiven Sicherheitspakt unter Moskauer Führung.

Zwar entspricht das nicht jenen westlichen Klischees, wonach nur Rußland allein die Nachbarrepubliken des „nahen Auslands“ gegen deren erklärten Willen neu einzubinden versucht. Doch die Achse Moskau-Minsk wird diese eindimensionale Sicht schon deshalb schnell relativieren, weil sie westlichen Politikern nun die Rückfallposition eröffnet, sich mit Außenminister Andrej Kosyrews Ansprüchen auf traditionelle Einflußsphären illusionslos zu arrangieren. „Wenn sich Rußland und Weißrußland wiedervereinigen“, so kommentiert die unabhängige Iswestija, „wird dann die selbständige Ukraine lange existieren? Die Rückkehr des russischen Imperiums ist Realität geworden.“

Die Achse Moskau-Minsk hat am Wochenende in der Ukraine bereits als Brückenkopf die Krim hinzugewonnen. Auf der schon von Griechen, Römern, Goten und Türken so geschätzten Halbinsel haben 73 Prozent der Wähler den russischen Nationalisten Jurij Meschkow zu ihrem Präsidenten bestimmt. Mit wehender weißer Haartolle will er sie zurück zu Mutter rodina, der russischen Heimat, führen. Zu ihr hatte die Krim auch seit dem 18. Jahrhundert gehört, bevor Chruschtschow sie 1954 der Ukraine schenkte – zur Bekräftigung des 300jährigen Bruderbundes. Als diese einseitigen Bande 1991 mit der Unabhängigkeit der Ukraine zerrissen, wollten viele der siebzig Prozent Russen (von 2,7 Millionen Krim-Bewohnern) lieber unter der Moskauer Trikolore leben. Dieser Wunsch wurde politisch höchst bedrohlich, als die in Kiew regierenden kommunistischen Wendehälse und die ebenso unfähige nationalistische Opposition die kaum überlebensfähige ukrainische Wirtschaft ohne Reformversuche auf den Abgrund zusteuerten.