Ein Land fürchtet um seine Reputation. Sechs Monate lang liegt jetzt der Vorsitz der Europäischen Union in griechischen Händen. „Möglichst viel abhaken, bevor die Griechen kommen“, hieß in den vergangenen Monaten die Devise in Brüssel. Daß das die Hellenen ärgerte, ist verständlich. Sie wissen natürlich, daß sie wirtschaftlich Europas Schlußlicht sind. Aber daß man ihnen nicht einmal zutraut, ein vernünftiges Arbeitsprogramm zu präsentieren und Ministerräte in Brüssel zu leiten, das verstößt gegen ihren Stolz. Also beschloß die griechische Regierung, es den überheblichen Partnern zu zeigen, jetzt oder nie.

Als erste sollte die Brüsseler Kommission erfahren, was die Griechen draufhaben. Sie reiste fast vollzählig nach Athen, um dort (unter griechischem Vorsitz) über die wichtigsten Projekte des kommenden Halbjahres zu beraten. Eine unproblematische Angelegenheit – und vor allem die unausweichliche Gelegenheit für Präsident Jacques Delors, Balsam auf die wunde griechische Seele zu streichen. Der Franzose kam der Pflichtübung routiniert nach, bedauerte zutiefst, daß Athen zum Sündenbock für Europas Probleme gemacht werde, und schon war die Stimmung viel besser.

Gleichzeitig knöpfte sich Athen die überhebliche Brüsseler Journaille vor. Sie wurde nicht beschimpft, sondern informiert. Ein Minister nach dem andern trat zum Briefing an, superpünktlich, bestens vorbereitet, auskunftsfreudig, entgegenkommend – ein Traum für jeden Korrespondenten. Die Griechen demonstrierten dabei, daß sie Minister zum Vorzeigen haben. Kaum einer brauchte den Kopfhörer, um Englisch und Französisch zu verstehen, viele haben internationale akademische Weihen. Ein paar Kostproben? Regierungschef Andreas Papandreou war Professor der Nationalökonomie im kalifornischen Berkeley, Europaminister Theodoras Pangalos leitete ein Institut an der Pariser Sorbonne, Industrieminister Constantin Simitis lehrte als Jura-Professor an der Uni Gießen. Außenminister Karolos Papoulias machte immerhin seinen Doktor an der Kölner Uni, sein Kollege Jannos Papantoniou in Cambridge.

Auch ein in solcher Umgebung eher exotischer Vogel wie Kulturministerin Melina Mercouri („Sonntags nie“) verstand es routiniert, ihren reifen Charme polyglott an die Zuhörer zu bringen.

Aber gab es da nicht im Vorfeld der Präsidentschaft gehörige Mißtöne? Etwa das Wort vom deutschen Riesen „mit der Kraft eines Monstrums und dem Verstand eines Kindes“? Sein Urheber Pangalos beruhigte die Gemüter: „Dieses Problem ist hundertprozentig gelöst.“ Und drängten die Griechen nicht auf eine Lockerung der Konvergenzkriterien, um selber an der Euro-Währung teilnehmen zu können? Mit einem eindeutigen „Nein“ antwortete Minister Papantoniou.

Glücklicher Zufall: Gerade rechtzeitig zur griechischen Präsidentschaft hofft man, die Inflation unter zehn Prozent zu drücken. Und wenn die Verhandlungen für die Erweiterung der Europäischen Union nicht bis zum März abgeschlossen werden können, dann bleibt ja die Möglichkeit, auf eine der verlockenden griechischen Inseln zu einem Frühjahrs-Sondergipfel zu laden. Also bitte keine vorschnellen Urteile über die sechs Europamonate unter griechischem Vorsitz!

Als nächste sind übrigens die Deutschen dran, bei ihnen liegt die Präsidentschaft im zweiten Halbjahr 1994. Mitten in diese Periode fällt die Wahl des Bundestags, da wird das Engagement der Bonner Minister mehr dem Wahlkampf als Europa gehören. Kommt es gar zum Regierungswechsel, muß Brüssel mit einer Schar Euro-Amateuren rechnen. Vielleicht wäre es da weise, sich mit Kritik an griechischen Unzulänglichkeiten zunächst einmal zurückzuhalten.

Klaus-Peter Schmid