ALT-REHSE. – Es klingt absurd. Ärzte wollen jene Kollegen beerben, die 1935 in Alt-Rehse, einem Dorf bei Neubrandenburg, die Ärzteführerschule gründeten, in der Euthanasie und Sterilisation gelehrt wurden. Die Kassenärztliche Vereinigung jedenfalls fordert das Dorf als ihr Eigentum zurück.

Ein holpriger Weg führt ins mecklenburgische Alt-Rehse, ein ganz normales Dorf, wären da nicht die Inschriften im Querbalken der Fachwerkhäuser. „Errichtet im 3. Jahre“ (des Tausendjährigen Reiches), dazu Namen ehemaliger Gaue. Im Haus „München“ wohnt Wolfgang Kopp, Tierarzt im Vorruhestand. Zusammen mit einem Kollegen und dem Bürgermeister Jörg Theil kämpft er gegen den Anspruch der Kassenärztlichen Vereinigung. Die Geschichte des Dorfes kennen die drei genau. 1934 wurde das Rittergut auf Betreiben von Hitlers Kanzleichef Martin Bormann zum Teil enteignet, die 500 Hektar gingen in den Besitz des Hartmannbundes, der später einging in die neugegründete Kassenärztliche Vereinigung. Um das Schloß herum entstanden der Ärztepark, mit Schule, Unterkünften, Sportplatz, und das Dorf.

Der Lehrplan für Jungärzte von 1936 enthält Themen wie: „Erbbiologie und Rassenpflege“, „Die Nürnberger Gesetze“, „Rassenpolitische Erziehungsarbeit“. Studenten, Hebammen, Ärzte wurden in Alt-Rehse auf die neue menschenverachtende Gesundheitspolitik eingeschworen. Lektoren waren Himmler, Rosenberg, Ley, Reichsärzteführer Wagner, Professor Boehm als Mitverfasser der NS-Rassengesetze, Haedenkamp, der früh dafür plädierte, jüdische Kollegen auszuschalten. Jener Haedenkamp wurde nach 1945 Hauptgeschäftsführer der Bundesärztekammer und bekam das Bundesverdienstkreuz. 1956 wurde eine Straße in Köln nach ihm benannt und erst 1986, unter Protest der dort residierenden Standesvertretungen, umbenannt nach einem Opfer von Haedenkamps Politik.

In einem Sonderlaboratorium in Alt-Rehse wurde für bakteriologische Kriegsführung geforscht, woran die Sowjets so interessiert waren, daß sie das Material in die Sowjetunion schafften. Später wurde das Land des Ärztegutes Bodenreformland, der Ärztepark Waisenheim, Lehrerbildungsstätte, NVA-Gästehaus. Nach der Wende übernahm die Bundeswehr den Ärztepark.

Die Alt-Rehser hofften, nun könne die Vergangenheit ihres Dorfes angemessen aufgearbeitet werden, sie planten auch, hier etwas zugunsten von Behinderten zu tun. Als einer der rund 300 Alt-Rehser aber ein Stück Bauland kaufen wollte, erfuhr man, daß Restitutionsansprüche auf das Dorf bestehen, vertreten inzwischen durch die Kassenärztliche Vereinigung Mecklenburg-Vorpommern.

Durch Antrag auf einstweilige Verfügung lähmt sie das Dorf, verhindert zum Beispiel den Bau von 34 Einfamilienhäusern. Die Alt-Rehser haben nach der Wende ihre Arbeitgeber in Landwirtschaft und Armee verloren. Junge Leute pendeln zur Arbeit in den Westen, andere leben von Sozialhilfe, im Vorruhestand und in Rente. Nun haben sie Angst um ihre Bleibe, die sie in DDR-Zeiten mühsam instand gehalten haben.

Der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Mecklenburg-Vorpommern, Dietrich Thierfelder, ein freundlicher Mann, wird nur fuchtig, wenn er in Beziehung zu Nazi-Ärzten gebracht wird. Er, Wehrdienstverweigerer in der DDR, habe sie trotz vieler lukrativer Angebote aus dem Westen nicht verlassen, weil er an Mecklenburg hänge. Nicht er, sondern die Kölner haben die Restitutionsansprüche gestellt. Vom „Gesetz zur Regelung offener Vermögensfragen“ hält er nichts: „Es ist schlimm, schafft Ungerechtigkeiten und schreibt sie fest.“ Aber auf den Anspruch verzichten? „Nein. Das würde keiner tun.“

Kürzlich sprach er zum ersten Mal mit Alt-Rehsern, der mecklenburgische Bischof Stier hatte ihn eingeladen. Das Gespräch hat Thierfelder nachdenklich gemacht. Auch er ist nun für eine karitative Einrichtung im einstigen Ärztepark und für eine Begegnungsstätte für Ost- und Nordeuropäer, für Opfer der in Alt-Rehse verbreiteten Lehre. Und die Häuser der Alt-Rehser? „Vieles wäre möglich: Verpachtung, Erbpacht, Verkauf. Wenn sich aber herausstellt, daß für die Kölner ein Zugriff auf das Dorf rechtlich möglich ist, müssen sie das allein durchfechten.“ Dann will er zurücktreten. Marlies Menge