Von Susanne Mayer

Dear Mimmy“, schreibt sie: „Bombenangriffe, Granaten.“ Es ist der 18. April 1992, Kriegsfrühling in Sarajevo. „Mama“, notiert die elfjährige Zlata Filipovic in ihr Tagebuch, das sie liebevoll „Mimmy“ nennt: „Mama weint ununterbrochen, auch wenn sie versucht, es nicht zu zeigen. Aber ich sehe alles.“

Ein Kind ist Zeuge. Eine Kriegsberichterstatterin – so erscheint Zlata in diesen Tagen nach gelungener Flucht bei Rita Süssmuth in Bonn, in „Stern-TV“ bei Günter Jauch, in London und in Rom und ist nun auch in deutschen Buchhandlungen präsent. „Ich bin ein Mädchen aus Sarajevo“ heißt das Bändchen, in dem das Tagebuch der Zlata Filipovic abgedruckt ist. Auf dem Cover ein Photo: Es zeigt ein hübsches Kind. Sauber gewaschen, das dunkle Haar sportlich-kurz, mit Kettchen. Haselnußaugen: „Ich sehe alles.“

„Dear Mimmy“, schreibt sie: „Ich hör eine Motorsäge kreischen. Heute war ich traurig. Ich konnte es nicht ertragen zu sehen, wie die Bäume aus meinem Park nach und nach verschwinden. Lieber Gott, was hat mein Park nicht alles Schlimmes erlebt! Die Kinder haben ihn verlassen, und nun verlassen ihn auch die Linden, die Birken und Platanen für immer. Zlata.“

Wer eine Fortsetzung der Horror-News-Tracks aus Bosnien befürchtet, kann dieses Buch kaufen. Zlata ist, auch im Schrecklichen, ein behütetes Kind. Brennende Häuser, stöhnende Menschen, zerfetzte Glieder, das sieht sie, wie wir, höchstens mal im Fernsehen. Keine Vergewaltigung. In ihrer Stadt sind seit der Belagerung mindestens 1500 Kinder getötet worden, ihr Horror ist privat: der Tod von Nina, ihrer Kindergartenfreundin, und eines Jungen aus der Theatergruppe: „Eine Granate schlug vor dem Bezirksamt ein, und den Ärmsten hat ein widerlicher Splitter erwischt.“ Das schreibt sie zu Hause – dort, wo das stattfindet, womit uns ihre Geschichte so anrührt. Der Zusammenbruch der schönen, der bürgerlichen Welt.

Papa ist Rechtsanwalt, Mama ist Chemikerin und die einzige Tochter eine Musterschülerin. „Ein anstrengender Tag“, protokolliert sie im Oktober 1991, „aber ein Triumph. Klassenarbeit in Mathe: Eins. Schriftliche Hausaufgaben in Serbokroatisch: Eins. Mündliche Prüfung in Biologie: Eins. Ich bin kaputt, aber glücklich.“

Das Leben war wundervoll. Klavierspielen und Chorprobe, Sky Channel und Madonna-Fanclub, Tennis mit den Freundinnen, zum Geburtstag Ski von Head und eine Torte in Schmetterlingsform. Sarajevo ist wie München oder Chelsea, das Gruseln ist für die Zuschauer dezent und doch irgendwie nahe. Ihre Eltern, früher „fröhliche, lachende, gepflegte Menschen“, schreibt die Tochter wütend, Leute, die dem Schicksal mit Sprüchen wie „post nubila phoebus“ (nach den Wolken folgt die Sonne) entgegentreten – sie sind jetzt verhärmte Gestalten, die wie Obdachlose in der eigenen Küche auf dem Fußboden kampieren. Der Rest der eleganten Wohnung ist Jagdrevier für Scharfschützen. „Dear Mimmy, ich geh immer mal wieder in das .gefährliche’ Zimmer, wo unser Klavier steht, und spiele ein paar Tonleitern. Dann ist es wie vor dem Krieg“, schreibt Zlata. „Ich weine, die Tränen laufen mir die Backen hinunter. Lieber Gott, was hat man mir alles genommen.“