BERLIN. – Beispiele werden gegeben, Exempel statuiert; und dann gibt es noch Paradebeispiele. Sie werden nicht gegeben, nicht statuiert; sie geschehen. Erst im nachhinein werden sie als Paradebeispiele erkannt. Das gilt wohl auch für das Berliner Beispiel mit der Truppenparade. Da ist etwas geschehen, was man, ohne zu kalauern, ein Paradebeispiel nennen könnte.

„Voraussichtlich“, so heißt es, sollen am 9. oder 10. September die Truppen der Westalliierten in Berlin feierlich mit einer Parade verabschiedet werden. Der Staatsakt soll mit dem Großen Zapfenstreich der Bundeswehr beginnen und im Olympiastadion mit einer „Mischung aus Paraden, Kultur und Sport“ enden. Einen Monat vorher, Anfang August, gilt es auch die Westgruppe der Russischen Armee „mit allen protokollarischen Ehren“ zu verabschieden. Auf dieses Abschiedsprogramm ist nun ein Zwielicht gefallen. Der Oberkommandierende der Westgruppe, Generaloberst Burlakow, beklagte sich vor ein paar Tagen darüber, daß es kein gemeinsames Zeremoniell der vier Siegermächte gebe. Kein Protest zwar, aber der Eindruck der Diskriminierung der russischen Truppen und mithin der deutschen Undankbarkeit wurde angedeutet.

Seit der deutschen Vereinigung wird das, was man symbolische Politik nennt, mit einem bemerkenswerten Mangel an Fortune gehandhabt. Nicht Versöhnung, sondern die Verschärfung latenter Zwistigkeiten steht oft am Ende. Nur auf eines kann man sich verlassen: die gründlich ausgebreitete Rechtsposition. Natürlich sind die Westalliierten und die Russen in den Zweiplus-vier-Verträgen nicht gleich und auch nicht gleichrangig behandelt worden. Sowohl die Art des Abzuges als auch die Abzugstermine unterscheiden sich. Die Russen verlassen Deutschland und die Westalliierten nur Westberlin. Das Zeremoniell der Verabschiedung der GUS-Truppen ist Sache der Bundesregierung, sogar Chefsache. Es gibt da einen Briefwechsel mit Boris Jelzin. Die Verhandlungen sind im Gange, an deren Ende womöglich der Kanzler am Ufer von Rügen stehen und in seiner ganzen historischen Größe mit einem Taschentuch winken könnte.

Der Senat kann dem Kanzleramt nichts aufzwingen und auch nicht die Westalliierten gegen ihren Willen zu einem gemeinsamen militärischen Zeremoniell zwingen. Aber er hätte immerhin deutlich machen können, was er mit dem politischen Spielraum, den er nicht besitzt, wohl angefangen hätte. Der Regierende Bürgermeister Diepgen tat etwas anderes. Er rechtfertigte die getrennten Feierlichkeiten, indem er an die unterschiedlichen Erfahrungen mit den Truppen der Siegermächte, an die Spaltung Berlins, an die Blockade, an den 17. Juni erinnerte. Mit dieser Erinnerung jedoch machte er erst aus der Dissonanz einen Akt der Diskriminierung.

Muß erst betont werden, daß es ohne Gorbatschow die Vereinigung der Stadt nicht gegeben hätte? Daß der Generaloberst Burlakow sich genötigt sah, daran zu erinnern, daß die friedliche Revolution in der DDR nur möglich war, weil die Rote Armee in den Garnisonen blieb, beschämt. Mit Diepgens Erklärung degenerierte der Berliner Senat jedenfalls zum Westberliner Senat. Das Einverständnis mit dem geteilten Zeremoniell entwertet im Grunde auch die Abschiedsfeier der Westalliierten im Olympiastadion: Es wird zur Westberliner Folklore.

Die Berliner Politiker beeilten sich, aus dem Unbehagen nun etwas besonders Richtiges zu machen. Der SPD-Fraktionsvorsitzende wünschte sich eine nicht nur militärisch geprägte Abschiedsfeier, und das Abgeordnetenhaus beschloß am letzten Wochenende ein großes Volksfest, unter Beteiligung der Siegermächte. Gewiß, „der“ Russe, wie man ihn auch kennt, die Kosakenchöre, die Kasatschok-Tänzer, die Ziehharmonika – zwischen den Massen und den Döner-Kebab-Schwaden wird wohl auch ein wenig Rührung aufblitzen. Aber: Militär wird militärisch verabschiedet. Das politische Symbol ist verfehlt, wenn der Dissens nur im Volksfest verbiedert wird. Nicht ungeachtet, sondern wegen der Erfahrungen der Blockade und des 17. Juni hätte Berlin darauf bestehen müssen, daß sich die Siegermächte der Anti-Hitler-Koalition und Feinde des Kalten Krieges in einem gemeinsamen Zeremoniell verabschieden. Dieses Symbol wäre der historischen Zäsur gerecht geworden. Es wäre auch eine Erinnerung daran gewesen, daß mit dem Jahre 1989 das vereinte Europa einen zivilen Neuanfang versucht hat. So aber haben wir den traurigen Kompromiß zwischen politischen Rücksichtnahmen, Rechtspositionen, einer ambivalenten Stimmung in der Stadt und einer obligatorisch guten Stimmung auf dem Volksfest. Leider ein Paradebeispiel.