Wer hoch pokert, muß gute Karten haben – oder aber bluffen können. Die Arbeitgeber der Metall- und Elektroindustrie pokern ausgesprochen hoch, ihre Forderungen in der diesjährigen Tarifrunde addieren sich auf nominale Lohnkürzungen von zehn Prozent und mehr. Nur: Fragt man die Strategen der Kölner Gesamtmetall-Zentrale, welches Instrument sie denn haben, um derlei Forderungen durchzusetzen, ist die Antwort verblüffend einfach: „Keines.“

In der Tat: Verzichtete die IG Metall von sich aus auf einen Arbeitskampf, bliebe den Arbeitgebern nur das Mittel der sogenannten Angriffsaus-Sperrung, um ihrem Verlangen Nachdruck zu verleihen. Die aber ist juristisch äußerst riskant, politisch kaum zu verkaufen und verbandsintern wohl nicht durchzusetzen. „Da können wir nicht viel machen“, sagt Gesamtmetall-Sprecher Werner Riek, und er sagt auch: „Es wäre ja absurd, gut beschäftigte Unternehmen zu veranlassen, ihre Arbeiter auf die Straße zu setzen.“ Solange aber keine Einigung erzielt wird, gelten, so will es das Tarifvertragsgesetz, die bestehenden Verträge weiter. Aus den angestrebten Kostensenkungen würde nichts.

Kann die Gewerkschaft die Arbeitgeber also am ausgestreckten Arm verhungern lassen? Bei Gesamtmetall sieht man das ganz gelassen und auch eine Spur kaltschnäuzig: „Wir können uns doch auf unsere IG Metall verlassen.“ Soll heißen: Die Gewerkschaft wird schon einen Streik vom Zaun brechen – und den Arbeitgebern damit den Vorwand für eine breite Aussperrung liefern. Weil der geänderte Paragraph 116 des Arbeitsförderungsgesetzes es den Arbeitsämtern verbietet, mittelbar vom Streik betroffenen Beschäftigten Unterstützung zu zahlen, säßen die Unternehmen plötzlich wieder an einem recht langen Hebel.

Das Kalkül könnte aufgehen. „Die politische Dynamik einer Tarifbewegung liegt anders als die rechtliche Situation“, sagt Walter Riester, Zweiter Vorsitzender und erster Tarifpolitiker der IG Metall. „Wir können nicht vier, fünf Wochen Warnstreiks machen, so ein Mittel kann man nicht unbegrenzt einsetzen.“ Denn innerhalb der Organisation dürfte es schwer werden, das derzeit bestehende Patt durchzuhalten. Und schließlich hat ja auch die Gewerkschaft Forderungen erhoben, nach Lohnerhöhungen und Beschäftigungssicherung. Blieben die Arbeitgeber, wie bisher, stur bei ihren Eingangsforderungen, trieben sie die IG Metall fast unweigerlich in den Streik.

Aber auch Gesamtmetall kann weder ein Interesse an einem Arbeitskampf haben noch daran, daß sich die Tarifparteien über Wochen und Monate untätig belauern. Ein massiver Streik würde gerade jene Mittelständler ruinieren, die besonders laut nach Kostensenkungen rufen. Und je länger die Tarifauseinandersetzung dauert, desto mehr Unternehmen werden eigene Wege gehen und betriebliche Lösungen suchen – wie zuletzt der Maschinenbauer Schlafhorst, der de facto die 40-Stunden-Woche wiedereingeführt hat und seine Leute sogar bis zu 48 Stunden schaffen lassen will. Eine weitere Erosion der Tarifautonomie müßte auch der Arbeitgeberverband fürchten.

Die IG Metall hat bereits Angebote gemacht, die nach dem Geschmack der Unternehmen sind – etwa eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit. Wollen sie nicht als Verweigerer dastehen, sind nun die Arbeitgeber am Zug. „Auch wir müssen lernen, daß man in Tarifverhandlungen nicht genau das bekommt, was man fordert“, meinte schon kurz vor Weihnachten Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Dieter Kirchner, „wir müssen kompromißbereit sein.“ Es wird höchste Zeit.

Arne Daniels