Polen war für die europäische Geschichte in unserem Jahrhundert schicksalsträchtig. Zuletzt, als es sich beispielhaft vom Kommunismus löste. Für die politische Entwicklung in Europa waren die deutsch-polnischen Beziehungen im Guten wie im Bösen maßstäblich. Das wird in unserer von Selbstbespiegelung und Unsicherheit geprägten Zeit leicht vergessen. Die hier angezeigte Neuerscheinung könnte dem entgegenwirken.

Der Untertitel drückt die Summe der fast ein halbes Hundert Texte dieses Sammelbandes besser aus als sein eher perspektivischer Titel. Beschrieben wird der Weg von einstiger Feindschaft zwischen Deutschen und Polen zum Ziel einer künftigen Freundschaft, wobei Vergangenheit und Gegenwart eine größere Rolle spielen als die Zukunft. Die Herausgeber der Beiträge von deutschen und polnischen Autoren sind Friedbert Pflüger, MdB, Vorsitzender der deutsch-polnischen Gesellschaft, und Winfried Lipscher, auch in Polen zu Hause, nicht nur weil er in zwei Jahrzehnten Chefdolmetscher an der deutschen Botschaft in Warschau war. Beider Engagement für die Fortentwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen bedarf sowenig einer besonderen Begründung wie die Autorenliste, wenngleich ihr die eine und andere Ergänzung gutgetan hätte (um nur einige zu nennen: Marion Gräfin Dönhoff, Klaus von Bismarck, Ryzsard Woyna, Marian Podkowinski).

Das Buch ist in drei Abschnitte gegliedert, die drei Phasen der Beziehungen behandeln: die Vorgeschichte der Entspannungspolitik; dann diese selbst; schließlich die postkommunistische Zeit. Bücher dieser Art versammeln unvermeidbar Heterogenes: historische Betrachtungen, nützlich nachzulesen, ebenso wie beliebige Pflichttexte, die im Kommuniqué-Stil auf Kothurnen daherkommen, aber auch Beiträge, die man ins Lese- und Schulbuch aufgenommen wünschte – so den auf Tagebuchnotizen gestützten Bericht von Mieczyslaw Rakowski, dem ehemaligen Chefredakteur der Polityka und später letzten Premier der Volksrepublik Polen, über seine Emissärsrolle beim Zustandekommen des Vertrages von 1970; so das anrührende Gedenken von Helmut Lange an seinen Kollegen, den unvergessenen Ludwig Zimmerer, der als Journalist wie als Entdecker und Sammler polnischer Volkskunst unvergleichlich viel für die deutsch-polnische Verständigung geleistet hat. Bernhard Wördehoff