Von Wilfried Kratz

In seinen besten Jahren warb der Independent mit kecken Sprüchen, die seinen Namen zum Werbemotto machten: „It is, are you?“ forderte die Zeitung gar ihre Leser heraus. Das von Journalisten gegründete Blatt, das britische Zeitungsereignis der achtziger Jahre, war stolz auf seine Unabhängigkeit von Eigentümern mit persönlichen Launen und politischen Absichten und von Managern, die Rücksicht auf Konzerninteressen nehmen.

Künftig wird der Ton nicht mehr so herausfordernd klingen. Der Independent und sein Schwesterblatt Independent on Sunday stecken in akuten Geldnöten. Die beiden Titel werden wahrscheinlich in den Armen der Mirror Newspaper Group. (MNG) aus der Hinterlassenschaft des unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommenen Pressezaren Robert Maxwell landen, wenn nicht der irische Manager und Medienunternehmer Tony O’Reilly mit seinem konkurrierenden Angebot zum Zuge kommt oder noch andere Bewerber auftreten.

Bei den Redakteuren herrscht Aufruhr – sie fürchten einen Kulturschock. Sie wollen mit der Mirror-Gruppe nichts zu tun haben. In einer Resolution lehnen sie vor allem deren Chefmanager David Montgomery ab. In ihm identifizieren sie genau jene „kommerziellen Kräfte, die abweichende Meinungen zum Schweigen bringen, aufrechte Journalisten raussetzen, die Privatsphäre verletzen und Nachrichten entstellen“.

Independent-Gründer und -Chefredakteur Andreas Whittam Smith, der die Fäden zu dem künftigen Großaktionär gesponnen hat, beteuert dagegen: „Unsere journalistische Unabhängigkeit wird gesichert.“ Nur verlegerisch sollten die beiden elitären Blätter von der Mirror-Gruppe betreut werden; die Stimmrechte aus ihrer angestrebten Beteiligung von vierzig Prozent bei Bestellung und Entlassung des Chefredakteurs werde der Großaktionär nicht ausüben, versichert Whittam Smith.

Die Mirror-Titel (mit Bild und Bild am Sonntag vergleichbar) sind auf dem Massenmarkt der Boulevardpresse zu Hause und werden, wie MNG-Chairman Sir Robert Clark gelobt, „immer politisch links von der Mitte angesiedelt sein“. Doch auf derlei Versprechungen der Mirror-Manager mögen die Journalisten des Independent nicht setzen. MNG-Chef Montgomery, so heißt es in ihrer Resolution, habe schon beim Mirror Zusagen gebrochen, kaum daß er sie gegeben habe.

Der Independent war von Anfang an ein kühnes Unternehmen – ganz nach dem Geschmack von Journalisten, die frei sein wollen von den Restriktionen in sehr persönlich geführten Verlagen oder großen Medienkonzernen. Drei Redakteure des Daily Telegraph erspähten 1986 eine Lücke im britischen Markt der sogenannten Qualitätszeitungen und besetzten sie kurz entschlossen. Sie rechneten sich gute Chancen für ein frisches, unvoreingenommenes Blatt aus, das – eher liberal in gesellschaftlichen und im Zweifel konservativ in ökonomischen Fragen – ungebunden ist.