Von Ulrich Walwei

Nach dem Willen der Bonner Regierungskoalition sollen die Arbeitsämter schon bald Konkurrenz bekommen. Ihr Aktionsprogramm für mehr Wachstum und Beschäftigung sieht unter anderem die Abschaffung des sogenannten Vermittlungsmonopols der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit vor. Wenn der Bundestag zustimmt, kann möglicherweise schon im April mit der gewerbsmäßigen Arbeitsvermittlung im gesamten Bundesgebiet begonnen werden. Die Anträge auf Zulassung von privaten Vermittlungsagenturen stapeln sich bereits zu Hunderten.

Bislang durften nur die Arbeitsämter Stellen vermitteln. Ausnahmen davon gab es lediglich für Personalberater, Künstleragenturen und karitative Selbsthilfeeinrichtungen. Doch das Vermittlungsmonopol wird zunehmend in Frage gestellt. Vor allem in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre verstärkte sich die Kritik an der öffentlichen Arbeitsvermittlung. Das Nebeneinander von anhaltend hoher Arbeitslosigkeit und zunehmendem Fachkräftemangel im Boom wurde – vielfach auch zu Unrecht – den Arbeitsämtern angelastet. Die Betriebe und ihre Verbände klagen darüber, daß die von den Ämtern vorgeschlagenen, zumeist arbeitslosen Bewerber oft nicht geeignet oder überhaupt nicht ernsthaft an einer Arbeitsaufnahme interessiert sind. Von privaten Vermittlern verspricht man sich dagegen eine Unterstützung bei der Suche nach knappen Fachkräften.

Gewerbsmäßige Arbeitsvermittlung wurde ursprünglich verboten, um dubiose Geschäftemacherei mit der Not von Arbeitssuchenden zu vermeiden. Später hatte dann öffentliche Arbeitsvermittlung Priorität, weil diese die Chance eines umfassenden, arbeitsfördernden Dienstleistungsangebots aus einer Hand bietet. Bis heute scheint es, als wenn weder Befürworter noch Gegner einer Liberalisierung die Erfahrungen mit der privaten Arbeitsvermittlung in anderen Ländern hinreichend zur Kenntnis genommen hätten. Denn schon sehr lange gibt es in Ländern wie Großbritannien, Irland, der Schweiz oder den Vereinigten Staaten fast schon selbstverständlich ein Nebeneinander von öffentlicher und privater Arbeitsvermittlung. Dagegen wurden gewerbsmäßige Vermittler erst vor kurzem auch in Dänemark, Schweden und den Niederlanden zugelassen. Und es ist zu erwarten, daß noch einige Länder diesem Beispiel folgen.

In den achtziger Jahren erlebte die Branche der Arbeitsvermittler vielerorts einen Boom. Allein in Großbritannien verdreifachte sich die Zahl der privaten Firmen auf knapp 15 000. In dem Markt tummeln sich Personalberater, Arbeitnehmerüberlassungs- und Outplacementunternehmen, aber auch auf bestimmte Berufsgruppen spezialisierte Agenturen. Rund fünf (Großbritannien) bis fünfzehn Prozent (Schweiz) aller Einstellungen gehen inzwischen auf das Konto dieser Unternehmen. Doch das Vermittlungsgeschäft scheint stark konjunkturabhängig zu sein. Im Boom und bei Arbeitskräfteknappheit sind die privaten Agenturen sehr gefragt, in der Rezession haben sie dagegen Schwierigkeiten, sich am Markt zu behaupten. Dennoch wächst ihre Bedeutung, weil Betriebe mehr und mehr dazu übergehen, ihnen originäre Aufgaben der Personalabteilungen zu übertragen. Viele der eher kleinen Vermittlungsagenturen konzentrieren sich auf Großstadtregionen. Das bevorzugte Marktsegment sind Stellen mit höheren Qualifikationsanforderungen und Führungspositionen. Sie vermitteln aber auch mit Erfolg Schreibkräfte und Hauspersonal. Besonders gefragt sind sie überall dort, wo sich auf regionalen oder beruflichen Teilarbeitsmärkten Engpässe ergeben.

Die teils recht stattlichen Vermittlungshonorare werden in aller Regel den Betrieben in Rechnung gestellt. In Großbritannien betragen sie zwölf bis dreißig Prozent des Jahresgehaltes der vermittelten Arbeitskraft, in Irland immerhin noch acht bis achtzehn Prozent. Als Gegenleistung bemühen sich die Agenturen besonders um die Qualität ihrer Vermittlungsvorschläge. So werden zusammen mit den Betrieben sorgfältige Stellenanforderungsprofile erstellt und vielfach aufwendige Bewerbertests durchgeführt. Vermittelt werden von privaten Agenturen kaum Arbeitslose, sondern vornehmlich Arbeitssuchende mit einer festen Anstellung und längerer Berufserfahrung.

Ein Vergleich der Rolle der öffentlichen Arbeitsvermittlung in den sogenannten Koexistenzländern zeigt ein widersprüchliches Bild. Mit einer offensiven Strategie für ihr Klientel behauptet sich die öffentliche Arbeitsvermittlung in Großbritannien relativ gut am Markt. Die britischen job centres wirken genau wie die deutschen Arbeitsämter bei rund einem Viertel aller Stellenbesetzungen mit.