Von Gunter Hofmann

Stimmungsgemurmel in der Führungsfrage: Die Basis murrt über die Zumutungen und will sich wehren. Die Spitze redet sich Mut zu, bleibt aber vorsichtig. „Wer in einen Streik hineingeht, verstehen Sie, muß wissen, ob er wirklich mit einem ‚Durchbruch‘ herauskommt! Wie 1992, als der Müll ein paar fürchterliche ÖTV-Streik-Tage lang liegenblieb, erinnern Sie sich?“

Von hier, hoch oben im dreizehnten Stock der IG-Metall-Zentrale in Niederrad, geht der Blick hinaus über eine hochmoderne Bürostadt, in der leider dreißig Prozent der Mietfläche leer stehen. Hinüber zur Skyline von Frankfurt, wo weitere Wolkenkratzer aus dem Boden gestampft werden, höher denn je, als gäbe es nie ein Ende. Spekulation, Spekulation. Jeder baggert, wie er kann. Jeder gegen jeden: Das, aber auch die vier Millionen Arbeitslosen, zu denen man ehrlicherweise noch weitere zwei Millionen hinzurechnen muß, die mühselig über Wasser gehalten werden – das beschreibt den Hintergrund, vor dem die Tarifrunde jetzt erst richtig beginnt, nach dem mageren Abschluß in der Chemie. Bald ist die dramatische Zahl aus Weimarer Zeiten erreicht: sechs Millionen Arbeitsplätze zuwenig. Die Arbeitslosen bilden demnächst schon die größte „Branche“.

Erstmals stehen auch Chemiker, Biologen, EDV-Ingenieure auf der Straße. Und ganze Gruppen von neuausgebildeten Jugendlichen bleiben draußen vor der Tür. Schlechte Zeiten für reine Mutproben sind das.

Mit den Arbeitsplätzen verschwinden Gewerkschaftsmitglieder. Mit zwölf Millionen hatte der DGB 1991 einen Höchststand erreicht (acht Millionen waren es 1990), dank der Einheit; aber 1992 sank die Zahl schon um 800 000, und sie sinkt weiter dramatisch. Dreißig Prozent spielen angeblich mit dem Gedanken an Austritt.

Hermann Rappe, der altgediente Vorsitzende der IG-Chemie, tröstet sich, bei einem Abbau von fast 40 000 Arbeitsplätzen sei es nicht überraschend, wenn die Mitgliederzahl im vorigen Jahr von 817 000 auf 778 000 gesunken sei. Und Walter Riester, der IG-Metall-Vize, bilanziert trotz des Mitgliederverlustes von bald 120 000 auf knapp unter die Zweimillionengrenze tapfer: Gemessen an Frankreich, Italien und Großbritannien, stünden die Gewerkschaften noch hervorragend da. Nur holten sie jetzt nach der Wende im Osten eben „Normalzeiten“ ein. Ende der Systemkonkurrenz, auch und gerade an der deutsch-deutschen Nahtstelle.

Die Gewerkschaften, diese bespöttelten „Dinosaurier“, die Defensivmächte dieser Zeit, haben in der Westwelt viel erreicht – und viel überstanden: co op, die Neue Heimat, die Allüren der Bank für Gemeinwirtschaft, ja selbst den jähen Sturz ihres Shooting-Stars Franz Steinkühler im vergangenen Jahr. Das war schließlich alles kein Zuckerschlecken.