NEW YORK. – Sechs Wochen lang besuchten wir, acht amerikanische Sozialarbeiter aus einem New Yorker „Kinderdorf“, in dem wir mit äußerst schwierigen Jugendlichen aus den Ghettos und Slums der Stadt arbeiten, ein Flüchtlingslager in Kroatien. Jugendliche Opfer des Krieges werden dort betreut.

Auf den ersten Blick wirkten sie, die wir im Lager von Vardzin trafen, genauso wie jene, die wir in New York betreuen. Ihre seelischen Wunden und ihre Angst verdeckten auch sie mit Prahlerei. Auch sie zeigten jene empfindungslose Traurigkeit, die wie träge Gleichgültigkeit wirkt, aus der sich aber unserer Erfahrung nach Selbstmordgedanken entwickeln können. Später fiel uns ein überraschender Unterschied auf: Die seelischen Wunden der Jugendlichen in New York sind viel tiefer. Der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien hat das Leben von Kindern und Jugendlichen in voller Blüte unterbrochen. Dagegen hat der endlose, heimtückische und niemals erklärte Krieg gegen die Armen in Amerika eine Generation ihrer Kindheit überhaupt beraubt.

Die Kinder der Flüchtlinge und Vertriebenen im ehemaligen Jugoslawien haben alles verloren, plötzlich und gnadenlos. Sie mußten ihre Dörfer verlassen und sich von ihren Freunden und Familien trennen. Viele sahen, wie ihre Verwandten in Konzentrationslager geschleppt wurden. Sie beobachteten Männer, die folterten, vergewaltigten, mordeten. Vor dem Krieg waren diese Männer ihre Freunde und Nachbarn. Vor dem Krieg hatten die Jugendlichen in den Flüchtlingslagern meist eine intakte Familie, sorgende Eltern, eine Heimat; viele hatten auch ein gesundes Selbstbewußtsein.

Die Älteren unter den Jugendlichen erzählten uns, daß machthungrige Politiker den Krieg zu verantworten hätten; sie erkannten, daß ihr Land zerstört ist, aber nicht sie selbst. Sie fühlten sich nicht ungeliebt.

Die Kinder verhalten sich so, weil ihnen die Vorkriegsgesellschaft Werte und Selbstbewußtsein vermittelt hat. So erzählte uns ein Teenager: „Ich hatte Ziele und wußte, daß ich sie erreichen kann. Jetzt habe ich nichts außer Alpträumen. Ich lebe von Tag zu Tag.“ Die jungen Bosnier und Kroaten haben allen Grund, Zorn zu empfinden, wenn sie an ihre Zukunft denken. Sie benötigen unsere Hilfe.

Die jungen Menschen aus den Slums in Amerika dagegen leiden an ihren seelischen Wunden seit ihrer Geburt. Für sie gibt es keinen Waffenstillstand. Ständige Armut, zeistörte Familienbande, dauernde Mißhandlungen, schlechte Wohnverhältnisse, ein miserables Schulsystem, fehlende Berufschancen und Rassismus können ebenso tödlich sein wie Minenfelder.