Von Marion Gräfin Dönhoff

Manchmal überkommt einen die Sorge, es gäbe überhaupt keine Möglichkeit mehr, dem Verlust an Vertrauen und Ansehen, unter dem Parteien und Politiker leiden, Einhalt zu gebieten. Aber wenn jemand so engagiert ist wie Hildegard Hamm-Brücher, die dreißig Jahre lang immer neue Anregungen ersonnen hat, um den Bürgern Einsicht in politische Zusammenhänge zu vermitteln, ihnen Vorbilder demokratischen Verhaltens, freiheitlicher Gesinnung und unerschrockener Zivilcourage vor Augen zu führen, dann schöpft man neue Hoffnung.

In Stuttgart wurde in der vorigen Woche das dreißigjährige Bestehen der Stiftung gefeiert, die den Namen des ersten Bundespräsidenten, Theodor Heuss, trägt. Er war es, der 1946 sagte: „Demokratie ist keine Glücksversicherung, sondern das Ergebnis politischer Bildung und demokratischer Gesinnung.“

Hildegard Hamm-Brücher hat diese Stiftung, die mit einer Grundspende von 5000 Mark begann und nur langsam auf 12 000 Mark anstieg, ins Leben gerufen und zu einer unentbehrlichen Institution entwickelt. Unentbehrlich vor allem heute, da es darum geht, die Entfremdung zwischen Bürger und Politik zu minimieren, Hilfsbereitschaft, Toleranz und Fairness zu maximieren.

Wer die „Reithalle“ in Stuttgart betrat, in der die Veranstaltung stattfand, konnte nur staunen: Da waren alle versammelt, die im Laufe der vergangenen dreißig Jahre ausgezeichnet worden sind – viele, noch ehe sie prominent wurden: Richard und Carl Friedrich von Weizsäcker, Walter Scheel, Helmut Schmidt, Hans-Jochen Vogel, Egon Bahr, Jens Reich, Manfred Rommel, Burkhard Hirsch, Klaus Michael Meyer-Abich, Walter und Inge Jens. Wenn man dann noch die Namen der Verstorbenen hinzufügt, die zu diesem Kreis gehören: Georg Picht, Gustav Heinemann, Wolf Baudissin, dann fehlt kaum einer von denen, die unser Land entscheidend mitgeprägt haben.

Neben dem Theodor-Heuss-Preis, mit dem vorwiegend politisches Engagement honoriert wird, werden jedes Jahr eine Reihe von Theodor-Heuss-Medaillen verliehen, die mehr auf Anerkennung im gesellschaftlichen Bereich gerichtet sind. Beispiele für Medaillen-Empfänger: Aktion Sühnezeichen (1965), Bamberger Jugendring gegen Rassenhaß und Intoleranz (1966), Helferkreis zur Betreuung ausländischer Zeugen in den KZprozessen (1968), Lebenshilfe für geistig Behinderte (1970), Arbeitslosen-Initiative Stuttgart (1981). Für 1981 ist kein Preisträger verzeichnet, eine höchst einleuchtende Maßnahme, wenn es niemanden gibt, der geeignet ist; darum wurden nur Heuss-Medaillen verteilt.

In diesem Jahr hat die Stiftung für die Medaillen-Bewerber eine öffentliche Ausschreibung veranstaltet. Das Thema lautete: „Wege aus der Verdrossenheit“. Dazu gingen 350 eindrucksvolle Einsendungen ein, aus denen (mit blutendem Herzen) nur drei ausgewählt werden konnten. Den Bewerbern waren folgende Fragen gestellt worden: