Von Claus Leggewie

Nach Australien zu reisen dauert einen Tag. Von Europa aus ist es die größte Entfernung im heutigen Weltdorf. Zwar haben die Menschen am anderen Ende gerade Feierabend, wenn wir unser Tagwerk beginnen, und Weihnachten findet bei ihnen nach wie vor bei dreißig Grad im Schatten statt – aber das ist nicht mehr als ein natürlicher Restwiderstand gegen die Herstellung weltweiter Simultanität. Faxgeräte und Telephon überspringen die gewaltige Distanz im Nu. Australien liegt gleich nebenan.

Doch unser Interesse an den Antipoden ist gering. Daß dort Beuteltiere und Koalas herumspringen, daß dort demnächst die Olympischen Spiele stattfinden werden, das reicht uns schon. Hin und wieder trifft man „Aussies“ im Davis-Cup oder Rockbands from the land down under, und mancher hat irgendwo „da unten“ Onkel oder Großtanten, in grauer Vorzeit ausgewandert. Aber den Reiz des Exotischen lassen sie vermissen: Die entfernten Verwandten sehen gerade so weiß aus wie wir, zwischen Birmingham und Piräus. Am meisten fasziniert uns noch die leere Wildnis Ozeaniens.

Die gedämpfte Neugier kommt dem Reisenden zugute: Er erwartet wenig und entdeckt viel. Die verwunderte Frage: „Wie kann man nur Australier sein?“ klingt weniger arrogant, wenn man sie so stellt, wie es die Australier selber tun: Sie sind, wie es der Meinungsforscher Hugh Mackay ausdrückt, ins „Zeitalter der Neubestimmung“ eingetreten, und in dieser Selbstbefragung ist der fünfte Kontinent der Alten Welt ähnlich und zugleich ein Stück voraus. Australien ist ein Labor der multikulturellen Gesellschaft. So wie der französische Philosoph Montesquieu im Zeitalter der Aufklärung provokant fragte: Wie kann man nur Perser sein?, um der heimischen Despotie den exotischen Spiegel vorzuhalten, so bringt die Erkundung der australischen Verhältnisse heute wiederum einen europäischen Mangel ans Licht. Uns fehlt die Gelassenheit der Australier beim Übergang zur Vielvölkergesellschaft.

Drei Entscheidungen stehen in Australien an: Welche Regierungsform sollen sie wählen, konstitutionelle Monarchie oder Republik? Welcher Platz steht den Eingeborenen, den Aborigines, darin zu? Welche Rolle soll das multikulturelle Land im asiatisch-pazifischen Raum spielen? Das alles bündelt sich in der Frage: Wie kann man heutzutage Australier sein?

Australier zu werden ist leicht, wenn man einmal im Lande ist und zu den Auserwählten zählt, die auf vorgeschriebenem Wege eingewandert sind. Mit 70 000 bis 80 000 Immigranten jährlich nimmt Australien nur rund ein Zehntel soviel Menschen auf, wie die Vereinigten Staaten willentlich und die Bundesrepublik de facto hereinlassen – auf einem Territorium, das zwanzigmal so groß ist wie das deutsche, wenn auch nicht so gut zu bewohnen. Knapp 18 Millionen Menschen zählt Australien, soviel wie Hessen. 25 Prozent sind nicht in Australien geboren, 25 Prozent haben Mutter und/oder Vater, die immigriert sind, meist aus Europa. Nur vier Prozent der Australier sind asiatischer Abstammung, die vorsichtige

Einwanderungspolitik will diesen Anteil bis zum Jahre 2020 nicht über sieben Prozent hinauswachsen lassen. Illegal Eingereiste, ob sie nun aus der ozeanischen Nachbarschaft kommen oder als Boat people oder Touristen aus Südostasien, werden zumeist abgewiesen – wie bei uns kämpfen liberale Menschenrechtler gegen die amtliche Asylunwilligkeit und die unwürdige Unterbringung der Gestrandeten in Sammellagern.