Keine Scham

Sachsen-Anhalt ist überall, und wer bisher dachte, nur Ministerpräsidenten kassierten zuviel Geld, wird durch einen ostwestfälischen Bürgermeister eines Besseren belehrt. Für sein Ehrenamt strich der Christdemokrat Hermann Humann auf Schloß Holte-Stukenbrock jährlich 60 000 Mark ein. Er ist das Oberhaupt einer sparsamen Gemeinde, die im vergangenen Jahr vom Bund der Steuerzahler den „Eisernen Steuergroschen“ erhielt. Jeder habe hier verstanden, daß Staat und Gemeinde keine Kühe seien, die im Himmel Gras fressen und auf Erden Milch geben, hieß es in der Laudatio. Denkste – dachte sich der schlaue Hermann und marschierte täglich für vier Stunden ins Rathaus, um einen Schwatz zu halten und seine Zeitung zu lesen. Sein vollautomatischer Schweinemastbetrieb lief auch ohne ihn weiter. Selbstverständlich berechnete Humann der Gemeinde auch seine Besuche bei feucht-fröhlichen Weiberfastnachtsfeiern, Jubiläen und sonstigen Volksbelustigungen: Macht 130 Stunden Verdienstausfall pro Arbeitsmonat. Macht jährlich eine Summe von runden 40 000 Mark plus Aufwandsentschädigung von 18 336 Mark für den Häuptling der sparsamen Ostwestfalen. Denn seine Schweine sind keine Kühe, die im Himmel Gras fressen und auf Erden Milch geben.

Keine Zeit

Böse Zungen behaupten schon lange, daß es mit dem Verhältnis zwischen der französischen Tageszeitung Le Monde und dem Premierminister Edouard Balladur nicht zum besten stehe. In den vergangenen Tagen dürfte es sich nicht gebessert haben. Denn das Weltblatt verglich Balladur mit einer Comic-Figur aus der Feder des amerikanischen Zeichners Tex Avery: Sie rennt über einen Abgrund hinaus, fällt aber erst dann, wenn sie es selbst merkt. Genauso Balladur: Er schwebe zwar noch auf den Wolken seiner erstaunlichen Popularität; unter ihm hätte sich aber schon längst der Abgrund der Arbeitslosigkeit aufgetan. Wann wird der Gaullist nach unten blicken? Das Konjunktur- und Beschäftigungsprogramm, das er am Sonntag vorstellt, halten selbst Parteifreunde für homöopathisch angesichts der fünf Millionen Franzosen ohne richtigen Job. Schreibt Le Monde: „Der Premierminister macht den Eindruck, als habe er noch viel Zeit. Aber die Zeit drängt. Und die Furcht vor der Arbeitslosigkeit hat mit Wahldaten wenig zu tun.“

Keine Zukunft

Zweiundzwanzig Monate vegetiert Sarajevo im Würgegriff seiner Belagerer. Im mörderischen Kessel, so scheint es, droht alles Leben langsam zu ersticken. Doch nicht ganz. Wie ein Zeichen des Überlebenswillens der Stadt wirkt eine verblüffende Zahl: Die Geburtenrate ist seit dem vergangenen Jahr um 2,5 Prozent gestiegen, pro Monat wächst sie um zehn Prozent. In den Entbindungsstationen von Sarajevo sind alle Betten belegt, zwei Krankenhäuser haben neue Kreißsäle eröffnet. Der Vater eines Neugeborenen meint: „Sarajevo hat Zukunft.“ Nach einer Unesco-Untersuchung hält fast jedes vierte Kind der Stadt sein Dasein nicht für lebenswert.