BERLIN. – Das Wortprotokoll vermerkt „Unruhe und Widerspruch“. Was Konsistoriumsmitglied Rolf Wischnath der Synode der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg im vergangenen November referierte, war eingestandenermaßen ein „heikles Thema“. Kirchen-Mann Wischnath ahnte, „daß das in der berlinbrandenburgischen Kirche nur schwer zu vermitteln“ sein werde.

Einen Monat später melden sich Unruhe und Widerspruch nicht nur hinter den Türen der Synode zu Wort. Vor einem Haus am Berliner Gendarmenmarkt, vis-à-vis dem Französischen Dom, hat sich ein Häuflein von hundert Christenmenschen mit Kerzen und Transparenten zu einem Protestgottesdienst versammelt. Mit einem Bibelzitat aus der Offenbarung des Johannes haben sie die Fassade des Hauses geschmückt: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen.“

Die „Hütte Gottes“ ist ein wuchtiger Bau von imposanter Dimension. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat das Gebäude vergangenen Herbst von der Treuhand gekauft, für 48 Millionen Mark, die aus Mitteln der Landeskirchen stammen. Das ehemalige Otto-Nuschke-Haus, bis zur Wende protzige Zentrale der CDU-Blockpartei, soll Sitz des Bevollmächtigten der EKD bei der Bundesregierung werden, und dagegen regt sich Protest. Vor allem in Ostberliner und brandenburgischen Gemeinden grummelt es. Wo allein die berlin-brandenburgische Landeskirche in den nächsten Jahren tausend Stellen einsparen muß, wo Gemeindemitglieder nach der Wegrationalisierung des Hausmeisters sonntags Kohlen schippen müssen, damit den Gottesdienstbesuchern beim Beten nicht die Hände zittern – da leistet sich die Kirche diesen millionenschweren „Klotz“, in teuerster Hauptstadtlage gleich neben dem Nobelkaufhaus „Lafayette“ und dem Berliner Schauspielhaus? „Jesus sagt: Ihr könnt nicht Gott und dem Mammon dienen“, predigt das Häuflein der Protestler vor dem Otto-Nuschke-Haus Bescheidenheit. „Wir brauchen eine Kirche, deren Besitz seine Schrift und die Menschen sind, nicht aber die Immobilie.“

Im fernen Bonn kann sich der Präses der Synode der EKD, Jürgen Schmude, „nur vor dem Hintergrund der Unkenntnis dessen, was in dem Gebäude passieren soll“, Verständnis für diese Proteste abringen. „Der Bevollmächtigte des Rates der EKD bei den Organen des Bundes und der Europäischen Gemeinschaft“, wie die korrekte Bezeichnung lautet, dient als Schnittstelle zwischen Kirche und Staat. Hier versucht die Evangelische Kirche ihre Vorstellungen und Beschlüsse zu Gesetzesvorhaben, Sozialpolitik oder ethischen Grundlagen an die Politiker zu vermitteln. Hier sollen Gespräche und Arbeitstreffen stattfinden mit Abgeordneten, Journalisten, parlamentarischen Gremien. Lobby-Arbeit heißt das in anderen Bereichen. Bei der Bundesregierung in Bonn und bei zahlreichen Landesregierungen gibt es diese Institution schon seit Jahren, und sie hat sich, so Präses Schmude, der auch Bundestagsabgeordneter ist, „als äußerst wichtig erwiesen“.

In Bonn residiert der EKD-Bevollmächtigte Hartmut Löwe in unmittelbarer Nähe des Regierungssitzes in der Fritz-Erler-Allee. Wenn die Regierung nach Berlin umzieht, dann brauche man ebenfalls einen Ort, der für die Politiker schnell und fußläufig erreichbar sei. „Wer allein hundert Meter zulegt“, meint Schmude, „wird erleben, daß die Leute nicht mehr kommen, denn so interessant ist die Kirche nicht, daß die Politiker begierig sind, zu uns zu kommen.“ Genau diese Nähe zum Staat jedoch stellt bei einigen Gemeinden in der Ex-DDR die Sensoren auf Alarm. „Das äußerliche Heranrücken ist auch ein inneres, und darauf reagieren wir Christen im Osten sehr empfindlich“, warnt Elfriede Begrich von der Ostberliner Elias-Gemeinde, aus deren Reihen die Idee für den Protestgottesdienst kam. Und wenn schon kirchliche Repräsentanz, müsse sie dann gerade im Zeichen der Sparpolitik so „protzig“ sein?

Für Jürgen Schmude sind dies die Argumente „einer Speditionsfirma, die angesichts von Sparmaßnahmen die Mitarbeiterzahl halten will und deshalb die Lkw abschafft“. Auch Schmude hätte lieber „ein bescheideneres Häuschen gehabt, das noch näher zum Regierungssitz liegt, aber das gab es nicht“. In Bonn residiert der EKD-Bevollmächtigte mit seinen vierzehn Mitarbeitern auf 840 Quadratmetern. Sein zukünftiger Berliner Sitz weist eine Netto-Bürofläche von 3000 Quadratmetern auf. Die vom Bevollmächtigten nicht benötigten Räume sollen an andere kirchliche Einrichtungen weitervermietet, werden, beeilt sich die EKD denn auch zu versichern. An welche jedoch, das ist bisher noch nicht völlig geklärt. Die Elias-Gemeinde hat da so ihre eigenen Ideen: eine Suppenküche für die Armen der Stadt, eine Unterkunft für Obdachlose, eine Anlaufstelle für Asylbewerber. Über eine derartige Nutzung möchte man mit der Kirchenleitung gern reden. Das Gespräch soll am 11. Februar in der Französischen Friedrichstadtkirche tatsächlich stattfinden. Auch Jürgen Schmude will den Kritikern des Hauskaufes dort Rede und Antwort stehen.

Vera Gaserow