Gegen Barbarei hilft nur Gewalt
Von Matthias Naß
Jeder spürt, daß der Krieg auf dem Balkan mit dem Massaker vom vergangenen Samstag in eine neue Phase getreten ist. Und jeder weiß, daß sich der Westen endlich entscheiden muß: Will er dem Morden doch noch mit militärischer Gewalt entgegentreten, oder kapituliert er vor dem Terror?
Den Entschluß zur Intervention scheut der Westen seit 22 Monaten; so lange dauert die Belagerung von Sarajevo nun schon. Tag für Tag sind dort seither fünfzehn Menschen getötet worden. Fassungslos werden wir Zeugen, wie eine europäische Stadt erdrosselt wird, wie den Menschen die Würde und das Leben genommen werden.
Von Woche zu Woche hat das Gift der Gewöhnung unser Denken stärker gelähmt. Wer keine praktischen Auswege sieht, der findet allemal intellektuelle Ausflüchte für das Nichtstun. Wir haben die Last des Unerträglichen locker geschultert, gleich nebenan läßt es sich ja durchaus leben in den Zeiten des Krieges. Was aber antworten wir, wenn unsere Kinder eines Tages fragen: Was habt ihr getan, als Sarajevo starb?
Das Gift der Gewöhnung wirkt langsam, aber zuverlässig. Das Gewissen geht dabei allmählich vor die Hunde. Was hat ihm der Balkankrieg nicht schon zugemutet:
- „ethnische Säuberungen“, die millionenfache Vertreibung von Haus und Hof im Namen Nationalistischen Wahns;
- Konzentrationslager voller ausgemergelter Gefangener, schreckensstarr hinter demStacheldraht;
- massenhafte Vergewaltigungen als schmutzige Kriegswaffe und erbärmlichste Demütigung;
- Hungerblockaden, die den Überlebenswillen einer wehrlosen Zivilbevölkerung brechen und die Ohnmacht der Uno-Helfer demonstrieren sollen;
- zerstörte Moscheen, ausgebrannte Bibliotheken, zerschossene Krankenhäuser und Schulen, Artilleriefeuer auf die Altstadt von Dubrovnik und die Brücke von Mostar;
- Folter und tausendfacher nackter, gemeiner Mord.
Grauenvolle Bilder; sie sind an uns, den Zuschauern, vorbeigezogen. Schließlich haben wir resigniert. Nicht ohne realpolitische Gründe. Die Argumente lieferten die Militärs: Der Treibsand des Balkans werde jeden unweigerlich verschlingen, der verrückt genug sei, in den Krieg einzugreifen. Also Hände weg. Allenfalls humanitäre Hilfe könne geleistet werden. Erzwingen lasse sich selbst die nicht.
Spätestens nach dem Massaker von Sarajevo liegt das Scheitern dieser Realpolitik zutage. Weil die Europäische Union, die Vereinten Nationen und die Nato der Gewalt nicht ein einziges Mal entschieden entgegengetreten sind, weil jeder betrunkene Milizionär die UN-Konvois stoppen konnte, weil die Blauhelme neben den Geschützen nur Strichlisten über die Zahl der Salven führen durften, weil die Staatengemeinschaft so furchtbar hilflos agierte, forderte sie neue Gewalt geradezu heraus.
Zur moralischen Niederlage kommt das außenpolitische Desaster. Es hat zu viele folgenlose Resolutionen gegeben, zu viele gebrochene Versprechen, zu viele leere Drohungen. Wenn die Vereinten Nationen und die Nato auch jetzt nicht handeln, sind ihre Glaubwürdigkeit und Integrität für lange Zeit zum Teufel.
Vor einem Monat erst hat die Nato auf dem Gipfeltreffen in Brüssel ihre Bereitschaft bekräftigt, „Schläge aus der Luft durchzuführen, um die Einschnürung von Sarajevo, der Schutzzonen und anderer bedrohter Gebiete in Bosnien-Herzegowina zu verhindern“. Am Wochenende hat UN-Generalsekretär Butros-Ghali die Nato aufgefordert, Luftangriffe auf die serbischen Stellungen vorzubereiten.
Jeder weiß, daß Bomben auf die Artilleriestellungen in den Bergen um Sarajevo oder Raketen gegen die Belagerer von Tuzla und Srebrenica den Krieg nicht beenden werden. Denn militärische Gewalt kann diesen Konflikt nie lösen. Aber gegen den Massenmord in Bosnien – 200 000 Tote in zwei Jahren – muß endlich ein Zeichen gesetzt werden. „Worte des Abscheus reichen nicht mehr“, hat Tadeusz Mazowiecki, der UN-Berichterstatter für das ehemalige Jugoslawien, vor der Genfer Menschenrechtskommission gesagt.
Niemand, der bei Verstand ist, wird die gewaltigen Risiken unterschätzen, die ein militärisches Eingreifen birgt. Die Serben könnten an den nur leicht bewaffneten Blauhelmen Vergeltung üben und damit auch die Hilfslieferungen für die hungernde Zivilbevölkerung weiter gefährden. Die Muslime könnten sich in ihrem Widerstand gegen einen Verhandlungskompromiß ermutigt fühlen. Die Angriffe der Nato könnten Unschuldige treffen. Der Krieg könnte weiter eskalieren.
Wahrscheinlich aber ist das nicht. Als der amerikanische Präsident Clinton im vergangenen Jahr einmal mit Angriffen drohte, lenkten die Serben sofort ein. Als dann nichts geschah, verschärften sie wieder den Druck auf die belagerten Städte. Bei den Genfer Verhandlungen ist ihre Aggression bisher stets belohnt worden, ebenso die der Kroaten. Die Unterhändler von EU und Uno könnten viel härter verhandeln, wenn hinter den diplomatischen Bemühungen glaubhafter militärischer Druck stünde.
Es ist eine entsetzlich schwere Entscheidung. Jeder, der das Für und Wider abwägt, fühlt sich zerrissen. Wiegen die möglichen negativen Folgen eines Eingreifens schwerer als die sichtbaren Folgen der Nichtintervention? Andererseits: Könnten nicht Tausende noch leben, wenn sich die Staatengemeinschaft beizeiten auf ihre Verantwortung besonnen hätte?
Die geschichtliche Erinnerung mag die Gewissensentscheidung erleichtern: Schevach Weiß, der Präsident der Knesset, hat einen bewegenden Appell an die fünf ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrates gerichtet: „Die fortgesetzten Handlungen des Völkermords in Bosnien sind ein Zeichen der Schande für die menschliche Gesellschaft.“ Und er hat hinzugefügt: „Wir als Mitglieder eines Volkes, das Opfer derartiger Massaker war, während die Welt schweigend zuschaute, können an solcher Vertuschung nicht teilnehmen.“
Wenn Europa nicht noch einmal in diesem blutgetränkten Jahrhundert Verrat üben will an seiner Zivilisation, dann muß es der Barbarei mit militärischer Gewalt entgegentreten.





