Von Hanno Kühnert

Ein ungewöhnliches Ansinnen richteten Jurastudenten von acht deutschen Universitäten im Januar an den Verlag C. H. Beck in München. „Wir fordern Sie auf“, schrieben sie an den Verleger Hans Dieter Beck, „den Namen des in Ihrem Verlag erscheinenden Grundgesetzkommentars zu ändern, so daß der Name Maunz nicht mehr im Titel erscheint.“ Die Kommentierungen des Kommentar-Begründers Theodor Maunz sollten, verlangten die Studenten, „überarbeitet und damit Schritt für Schritt aus dem Kommentar herausgeschrieben“ werden.

In der juristischen Abteilung des Verlages summte es. Denn was da mit einmaliger Zumutung angegriffen wird, ist eine der wichtigsten Publikationen des Hauses, der Grundgesetz-Großkommentar „Maunz-Dürig“. In dem Loseblattwerk, inzwischen angewachsen auf vier Ordner mit bald 8000 Seiten, Kostenpunkt 320 Mark, einem konservativen, aber rundum soliden, manchmal etwas geschwätzigen Begleiter unserer Verfassung unter dem lakonischen Titel „Grundgesetz“, blättern jeden Tag Tausende von Juristen. Auch die kritischen Studenten nennen ihn „den bedeutendsten Grundgesetzkommentar“; dem „Maunz-Dürig“ wird großer Einfluß auf die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts nachgesagt.

Theodor Maunz, damals Staatsrechtsprofessor in München, begründete das Riesenwerk im Jahr 1958. Seitdem sind sieben Auflagen erschienen. Eine Zeitlang hieß der Kommentar „Maunz-Dürig-Herzog-Scholz“ – nach den Mitautoren Günter Dürig, dem politisch eher linksstehenden Tübinger Staatsrechtler, Roman Herzog, einem Schüler von Maunz, und Rupert Scholz. Da das voluminöse Werk inzwischen acht Autoren hat, ist der Verlag wieder zu dem Titel „Maunz-Dürig“ zurückgekehrt. Diesen „Maunz-Dürig“ wollen die Studenten jetzt von „Maunz“ gesäubert wissen. Der Verlag hat die Autoren für den 11. Februar zur Beratung gebeten.

Theodor Maunz ist, 92 Jahre alt, am 10. September 1993 gestorben. Er wurde, wie schon zuvor in den Festschriften zu seinem 70. und seinem 80. Geburtstag, als „Großer der deutschen Staatsrechtslehre“ gefeiert. In der Tat hat er unzähligen Juristen und Jurastudenten Demokratie und Rechtsstaatlichkeit nahegebracht – seinen Hörern und den Lesern seines Buches „Deutsches Staatsrecht“, das 1958, als der Großkommentar gerade entstand, bereits in siebter Auflage erschien. Es war lange Zeit das führende Staatsrechtslehrbuch.

Maunz galt als ein umgänglicher Mann. „Güte, Höflichkeit, ungewöhnlichen Fleiß und Selbstdisziplin, Toleranz, Praxisnähe, wissenschaftliche Vorurteilslosigkeit, all dies besaß er“, so sein schärfster Kritiker Michael Stolleis. Man wußte freilich auch von ihm, daß er mit einigen fürchterlichen Parolen den NS-Staat gefördert hatte. Konrad Redeker erinnerte 1964 daran, und Maunz mußte als bayerischer Kultusminister, der er seit 1954 war, zurücktreten. Seinem Verlag hat er nicht übelgenommen, daß die Beweise seines Wirkens in der Hitlerzeit im selben Haus erschienen – in der Neuen Juristischen Wochenschrift des Beck-Verlages. Er arbeitete weiter an seinem Kommentar, hielt Vorlesungen über den freiheitlichen Staat und galt fortan als jemand, der zwar ein Nazi-Protagonist gewesen war, aber längst zur Demokratie bekehrt und gründlich gewandelt, gerade deshalb ein maßgeblicher Interpret der Verfassung.

Um so größer das Entsetzen unter den Juristen, vor allem unter Maunz’ zahlreichen Schülern, als die rechtsradikale Deutsche National-Zeitung vierzehn Tage nach Maunz’ Tod engste Beziehungen zwischen Maunz und dem Verleger der Zeitung, Gerhard Frey, offenbarte – triumphierend und mit faksimilierten Dokumenten. Fiey habe „seinen wunderbaren Wegbegleiter“ verloren, hieß es da, und: „Ein Vierteljahrhundert war Maunz maßgeblicher Berater von Dr. Frey, eineinhalb Jahrzehnte hindurch auch beinahe allwöchentlich durch seine hervorragenden politischen Beiträge ohne Autorangabe in der National-Zeitung.“ Fünfundzwanzig Jahre lang also heimlich Artikel, Gutachten und herzliche Briefe für den Rechtsausleger, fünfzehn Jahre fast jeden Montag in einer Kneipe quasi Stammtisch über die Zeitläufte, während Maunz in der Öffentlichkeit der Ruf eines Präzeptors des Grundgesetzes zuwuchs?