Von Hans Otto Eglau

Fast hätte man die berühmte Stecknadel fallen hören, als der fast 92jährige – auf eine helfende Hand gestützt – ans Rednerpult trat. Es war am 26. September vergangenen Jahres in der großen Halle der „Villa Hügel“ in Essen. Hermann Josef Abs, körperlich bereits hinfällig, wollte vor aller Augen mit einem Mann seinen Frieden schließen, mit dem ihn seit der Krupp-Krise 1967 kein besonders herzliches Verhältnis verband – dem gerade 80 Jahre alt gewordenen Berthold Beitz. Viele der über 700 Geburtstagsgäste ahnten in dieser Stunde, daß sie einem der großen alten Männer der Wiederaufbaujahre vielleicht zum letztenmal begegnet waren.

Für die Jüngeren steht der Name Abs für eine Zeit, die sie allenfalls aus den Erzählungen ihrer Eltern kennen. Ein heute Vierzigjähriger war gerade dreizehn, als die Ära des vielleicht bedeutendsten Bankiers dieses Jahrhunderts mit dem Abtritt von der Spitze der Deutschen Bank zu Ende ging. Legende war er jedoch schon vorher. Seine Aufsichtsratsmandate und engen Beziehungen zu ersten Adressen der deutschen Wirtschaft, dazu seine Vertrauensstellung im Bonner Kanzleramt nährten die Vorstellung von einer schier unermeßlichen Machtfülle, die sich in seiner Person konzentrierte.

Daß Hermann Josef Abs als ein Mann eigener Prägung aus dem Finanzestablishment seiner Zeit herausragte, ja ein unverwechselbarer Solitär war, hat mit der Art zu tun, mit der er seine Ämter versah. Wie andere Banker nur als reiner „Manager“ eingestuft zu werden schien ihm fast physische Pein zu bereiten, obwohl er doch zwei Jahrzehnte lang den größten Geldkonzern der Republik dirigierte. Sein Selbstverständnis orientierte sich eher an der Figur des weitgehend unabhängigen, mit dem eigenen Vermögen unbeschränkt haftenden Bankiers, der er zu Beginn seiner Karriere als Teilhaber des angesehenen Berliner Privatbankhauses Delbrück, Schickler & Co. gewesen war. Abs agierte denn auch kaum anders, als er nach dem Kriege an die Spitze der Deutschen Bank aufrückte.

Gleichzeitig erweiterte sich das Gravitationsfeld seines Einflusses mehr und mehr in den politischen Raum hinein. Bei Konrad Adenauer genoß der aus einem streng katholischen Bonner Elternhaus stammende Bankier bald eine Vertrauensstellung. Dabei sicherten ihm die ganz auf den Kanzler zugeschnittenen „schlanken“ Machtstrukturen jener ersten Nachkriegsjahre ein unter den heutigen Verhältnissen der Mediendemokratie kaum vorstellbares Maß an Mitsprache in allen zentralen Fragen der Wirtschafts- und Finanzpolitik.

Abs, der in jungen Jahren längere Zeit als Devisenhändler im Ausland gearbeitet hatte, dolmetschte auf dem Petersberg zwischen Adenauer und US-Hochkommissar John Mc. Cloy, erteilte dem Kanzler an dessen Rhöndorfer Sonntags-Kaffeetafel wirtschaftlichen Rat und durfte, wenn es die Sache verlangte, sogar als Gast an Kabinettssitzungen teilnehmen. Gern hätte ihn Adenauer zum Unterhändler für die Gespräche über den Schumann-Plan ernannt, doch legten sich die Franzosen quer. Dafür betraute er ihn Anfang 1951 mit den Verhandlungen über die Regelung der deutschen Auslandsschulden. An der Spitze einer hundertköpfigen Expertendelegation brachte er nach zweijährigem, zähem Ringen mit den Vertretern aus 65 Gläubigerländern ein Abkommen zustande, das die Rückzahlung von vierzehn Milliarden Mark Auslandsschulden regelte und damit die internationale Kreditwürdigkeit Deutschlands wiederherstellte.

Daß er – etwa bei der Neugründung der Lufthansa oder als Verwaltungsratschef der Deutschen Bundesbahn – an den Nahtstellen zwischen Wirtschaft und Politik wirkte oder gar bedeutende politische Aufgaben übernahm, hat die Bank, der er vorstand, in den Augen mancher Zeitzeugen in die Nähe einer nationalen Institution gerückt. Dies kam nicht zuletzt in der Beschützerrolle zum Ausdruck, die sich die Deutsche Bank gegenüber befreundeten Konzernen (etwa gegenüber ausländischen Aufkäufern) schließlich selber zumaß. Der weitgezogene Aktionsradius ihres Vorstandssprechers gereichte der Bank jedoch auch sehr unmittelbar zum Vorteil. In der nach seinen Plänen 1948 gegründeten Kreditanstalt für Wiederaufbau konnte er auch auf die Verteilung der Marshallplan-Gelder an die Wirtschaft unmittelbar Einfluß ausüben. Welches Unternehmen wollte mit einem Mann wie Abs nicht in möglichst enge Geschäftsbeziehungen treten, ihn am liebsten in seinen Aufsichtsrat berufen.