Merkwürdig: Obwohl Aufstieg oder Niedergang von Nationen Phänomene des Wirtschaftslebens sind, führen in der entwicklungspolitischen Debatte die Moralapostel das Wort. Argumente aus dem Bauch dominieren diejenigen aus dem Kopf. Angesichts von Leid und Hoffnungslosigkeit im Armutsgürtel des Planeten ist Betroffenheit zwar nicht fehl am Platze; doch der beklagenswerte Zustand im Süden wird nicht dadurch besser, daß an die Stelle von Analyse Gefühlsduselei und larmoyante Selbstanklage im Norden treten.

Darüber hat sich ein junger Wirtschaftswissenschaftler namens Richard Reichel mächtig geärgert und seinem Unmut auf mehr als 250 Seiten Luft gemacht – mit dem Ziel, die Entwicklungspolitik „auf die ökonomischen Füße“ zu stellen. Was können hiesige Entwicklungspolitiker daraus lernen? Daß offene Märkte oft die beste Hilfe sind, daß viel Entwicklungsgeld nicht den Erfolg der Entwicklungshilfe garantiert und daß gegen die Verschuldungskrise mancher Länder nur ein Forderungsverzicht hilft. Nicht viel Neues also.

Freilich würde man dem Autor unrecht tun, reduzierte man sein Werk auf einige Handreichungen für die Bonner Entwicklungspolitiker. Was ihn wirklich umtreibt, ist vielmehr die Frage, wie es dazu kommt, daß arme Länder arm sind, und welche Vorstellungen darüber vermeintlich linke, populärwissenschaftliche und kirchliche Pamphlete verbreiten. Angefangen beim Kolonialismus bis hin zur generellen Wachstumskritik stellt Reichel alle Behauptungen auf den Prüfstand, die nach Auffassung der Dritte-Welt-Bewegung die Schuld des Nordens am Elend des Südens begründen sollen. Das aufregende Ergebnis: Im großen und ganzen tragen die – oft korrupten – Eliten der Entwicklungsländer die größte Verantwortung am deprimierenden Schicksal ihrer Nationen. Besinnen sie sich auf die Marktwirtschaft, bleibt der Erfolg nicht aus – siehe Taiwan, Malaysia und Südkorea.

So weit, so gut. Die Attacken, die Reichel gegen die Glaubenssätze des Neokolonialismus und des ungleichen Tausches reitet, gegen die vermeintlich teuflische Rolle der Multis und des Freihandels, sind überfällig. Doch Reichel schießt auch gern übers Ziel hinaus: So beschränkt sich der Erfolg Malaysias auf einen Teil des Landes und hat immense ökologische Kosten verursacht. Daß zwischen 1983 und 1989 der Schuldendienst der Entwicklungsländer die Kapitalzuflüsse aus dem Norden um 242 Milliarden Dollar überstiegen hat, ist ein Skandal – auch wenn Reichel zu Recht darauf aufmerksam macht, daß die Industrieländer gleichzeitig „Konsumverzicht“ für die Entwicklungsländer leisten, was an deren meist defizitären Leistungsbilanzen deutlich wird. Am bedenklichsten jedoch ist die Wachstumsgläubigkeit des Autors: Da Wirtschaften zu einem guten Teil darin besteht, Rohstoffe in Müll zu verwandeln, sind dem vermeintlichen Erfolgsrezept natürliche Grenzen gesetzt.

Die Welt ist eben kompliziert – viel komplizierter, als manche glauben, die sich für die Dritte Welt engagieren, aber auch komplizierter, als manche Prediger der reinen Lehre meinen. Reichels Buch ist trotzdem die Lektüre wert – auch wenn ausgerechnet die wirtschaftlich in jüngster Zeit erfolgreichste Nation, China, ziemlich schlecht wegkommt. vo