Die Hauptdarsteller von damals sind fast alle nur noch Zuschauer. Vor zehn Jahren feierte die Welt in Sarajevo ein rauschendes olympisches Winterfest. Ach, Gold-Kati, wir erinnern uns gern. Und heute? Heute ist Krieg in der Stadt. Sarajevo wird belagert, beschossen und betrogen. Die Welt aber ist wieder dabei, ein Fest zu feiern, um Gold und Silber zu feilschen bei Olympia in Lillehammer, während in der bosnischen Hauptstadt und an all den anderen Schauplätzen des Krieges weiter gestorben wird, Kinder getötet werden durch Granaten, durch Hunger oder durch Erfrieren.

An Ratlosigkeit und Intensität der moralischen Appelle steht der Sport der Politik nicht nach. Immerhin: Auch Gesten humanitärer Hilfe aus diesem Kreis haben Sarajevo erreicht. Vegard Ulvang, der norwegische Langlauf-Heros, organisierte und begleitete einen Hilfskonvoi in die bosnische Hauptstadt. Das ist respektabel, wie auch die Hilfe des deutschen Nationalen Olympischen Komitees, das dem Direktor des bosnischen Komitees anbot, aus dem Frankfurter Büro die Olympiateilnahme seiner Landsleute in Lillehammer zu organisieren.

Gesten, die das Gewissen beruhigen sollen. Was könnte man sonst tun? Die Olympischen Spiele absagen, verschieben, demonstrativ nach Sarajevo verlegen, um Frieden zu erzwingen? Reine Utopie.

Der Illusion, durch die Wettkämpfe in Olympia Frieden zu schaffen oder zu erhalten, gaben sich schon die kampferprobten Griechen im Altertum nicht hin. Sie machten zur Zeit der Spiele „Kriegsferien“, praktizierten die ekecheiria, das „Ablassen der Hände von den Waffen“, um sich überhaupt dem sportlichen Treiben widmen zu können. Olympia als Symbol des Friedens – eine schöne Legende, längst entlarvt.

IOC-Präsident Samaranch hat sich 1992 dafür eingesetzt, den serbischen Sportlern die Olympiateilnahme in Barcelona zu ermöglichen. Das nützte den Spielen von Barcelona. In der Hoffnung, daß man ihm seinen Einsatz vergelte, hat der IOC-Präsident auch die Initiative ergriffen für eine Waffenruhe in Sarajevo während der Zeit der Spiele in Lillehammer. Und für den Fall, daß sich die Kriegsparteien an den Appell halten, wie erhofft, will Juan Antonio Samaranch nach Sarajevo reisen, im Gepäck gewiß einige Hilfspakete zur medienwirksamen Verteilung. Das wird den Spielen von Lillehammer nützen. Vielleicht sollte das Internationale Olympische Komitee überhaupt eine neue Runde der Friedensgespräche im Olympischen Dorf organisieren: Eingesperrt in eines der spartanischen Appartements, könnten sich die Herren Milošević und Co. zu einer raschen Einigung gezwungen sehen ...

Ernsthaft: wozu solcher Opportunismus? Muß man nicht blanken Zynismus argwöhnen hinter dem olympischen Friedensspektakel? Allenfalls wird damit der olympischen Kommerzshow ein zusätzliches Licht aufgesteckt, auf daß sie um so mehr Profit abwerfe.

Der Glaube an die Wirksamkeit der Idee, die Möglichkeit eben der olympischen Völkerverständigung, ist lange dahin, und selbst wenn ein Appell zur Waffenruhe auf Zeit befolgt würde, zu einer Lösung trüge er nicht bei, das Ende des Krieges brächte er nicht näher. Frei nach der antiken Tradition: Hände weg von Waffen, solange es um Gold und Geld geht. Danach wieder frisch drauflos geschlagen?

Der Zuschauer fühlt sich einigermaßen hilflos. Am aktuellen olympischen Schauplatz rollen die goldenen Rubel, am Schauplatz von gestern sterben die Menschen. Soll man hinsehen, soll man wegsehen? Die Zeitungen, die Fernsehkameras werden es wieder einmal irgendwie zusammenbringen – vom 12. bis 27. Februar 1994. Da hilft kein Abschalten. Michael Gross