Von Benedikt Erenz

Der ewige (deutsche) Untertan hat sich ein neues Tarnkäppchen gehäkelt. Politikverdrossen ist er jetzt. Natürlich. Schon allein die achtzehn Wahlen dieses Jahres drücken ihm schwer aufs Gemüt. Wahlen! Demokratie! Republik! Ändert sich ja doch nichts, seufzt da der Untertan, und in den Ton der bitteren Klage mischt sich stille Zufriedenheit. Dann schaltet er um zum Glücksrad in SAT 1.

Als die Truppen der Französischen Revolution im Oktober 1792, nach ihrem Triumph bei Valmy, Mainz erreichten und Seine Eminenz der Erzbischof, Kurfürst und Kanzler des Heiligen Römischen Reiches unter Mitnahme der Witwen- und Waisenkasse geflohen war, da fühlten sich seine Schäfchen doch recht verloren: ein Leben ohne Hirt? Republik? Alle gleich? Konnte es nicht geben.

Einige aber erkannten die Chance. Und einer setzte alles darauf: der Bibliothekar des Kurfürsten, Georg Forster, obwohl er ahnte, daß die Zeit noch nicht reif war, daß die Revolution trotz der Sympathisanten, die sie östlich des Rheins hatte, vom Oden-Dichter bis zum Tabakfabrikanten, vom Freiherrn bis zum Handschuhmacher, nie und nimmer ins Reich überspringen würde. Und tatsächlich war ja dann schon ein paar Wochen später und ein paar Kilometer weiter östlich, in Frankfurt, alles zu Ende, als Handwerksburschen den kaiserlichen Soldaten heimlich die Stadttore öffneten und damit die Franzosen samt ihrer verdammten Revolution zum Abzug zwangen.

Das Mainzer Demokratie-Experiment, von der Revolutionsarmee noch ein halbes Jahr, bis Ende Juli 1793, gegen die Reichstruppen unter preußischer Führung verteidigt, mußte scheitern, mußte als erstes Republikchen auf deutschem Boden Episode bleiben, bis 1918. Die Untertanen wollten keine Politik selber machen, die Untertanen waren gern politikfrei und Untertan. Zehn Prozent der berechtigten Mainzer nur gingen zur ersten Wahl im Frühjahr 1793, auf dem Land lag die Beteiligung etwas höher (wobei jedoch nicht vergessen sei, daß auch der Konvent in Paris über keine wesentlich solidere demokratische Legitimation verfügte). Georg Forster, der für sich selbst längst entschieden hatte, „als Republikaner zu leben und zu sterben“, machte sich schon Monate vor dem Ende des Mainzer Versuchs keine Illusionen mehr: „Es ist ein elendes Volk. Jetzt, da ich mich habe um sie bekümmern müssen, hab ich sie kennen gelernt: Kein Funken von Willen und Entschiedenheit, keine Kraft, keine Thätigkeit, keine Vernunft, keine Kenntnisse, keine Ausbildung, kein Gefühl, keine Zuneigung.“ So schrieb er am 8. Januar 1793 an seine Frau Therese, die Mainz schon verlassen hatte. Fast auf den Tag ein Jahr später, am 10. Januan 1794, ist er tot, einsam verdämmert in einer Dachkammer der Rue des Moulins in Paris, noch nicht vierzig Jahre alt.

Daß Georg Forster, wie sein Biograph Klaus Harpprecht vor kurzem in dieser Zeitung schrieb, hierzulande immer ein Fremder geblieben ist, zeigt sich auch in seinem 200. Todesjahr aufs blamabelste. Kein Wort unseres eloquitären Bundespräsidenten für diesen ersten deutschen Demokraten, keine Feierviertelstunde im Bundestag, kein Briefmärklein der Bundespost, kein noch so kleines Zeichen öffentlicher Würdigung; die Stadt Kassel, in der er, vierundzwanzigjährig, Professor wurde, weigert sich weiterhin, ihre Gesamthochschule nach ihm zu benennen, und selbst die Stadt Mainz akzeptierte jetzt gerade mal, daß eine Bronzeplakette – eine sehr schöne Bronzeplakette! geschaffen und gestiftet von der Bildhauerin Irmgard Biernath, an seinem glücklich erhalten gebliebenen Wohnhaus in der Neuen Universitätsstraße angebracht wurde. Die große Ausstellung ihm zu Ehren allerdings, zusammengestellt von der Bibliothek der Universität (Konzept: Rolf Reichardt und Genevieve Roche), mußte draußen vor den Toren der (Innen-)Stadt bleiben, im alten Universitätskomplex an der Saarstraße.

Ein Unternehmen, auf das die Hochschule stolz sein kann, denn es entrollt – vom Modell der dreimastigen Resolution des James Cook, auf der Georg Forster als Jüngling zusammen mit seinem Vater die Erde umsegelte, bis zu den Proklamationen der Mainzer Revolution – das ganze Panorama dieser in der deutschen Geistesgeschichte einzigartigen Erscheinung. Forster, der Ethnologe, der Biologe, der Soziologe, Forster, der Popularphilosoph, Essayist, Übersetzer, der Kunsthistoriker, der sich in seinen großartigen „Ansichten vom Niederrhein“ für die Vollendung des Kölner Doms begeistert... Forster, der Kritiker und Enthusiast, der berühmte junge Gelehrte, Mitglied aller Akademien Europas von Neapel bis Kopenhagen, der in die Freiheit Verliebte, der Verbitterte schließe lich, von allen verleugnete Vaterlandsverräter im Paris der Schreckensherrschaft.