Von Marco Finetti

Als im Januar 1933 Hitler in Deutschland an die Macht gelangte, war dies der Beginn eines Massenexodus. Über eine halbe Million Menschen floh sofort oder in den nächsten Jahren vor dem nationalsozialistischen Staatsterror und Rassenwahn ins Exil.

Zu den bislang unbekanntesten Kapiteln dieser Geschichte gehört zweifellos, daß nicht nur die Demokratien Westeuropas, die USA oder Palästina Verfolgten des Hitler-Regimes Zuflucht gewährten – sondern auch das faschistische Italien Benito Mussolinis. Rund 20 000 Emigranten aus Deutschland, Österreich und anderen Staaten im Herrschaftsbereich des „Dritten Reiches“ lebten hier zwischen 1933 und 1945, darunter nicht weniger als 18 000 Juden. Endgültige Sicherheit bot ihnen das italienische Exil jedoch nicht – es war vielmehr eine „Zuflucht auf Widerruf“, wie der Berliner Historiker Klaus Voigt treffend formuliert, der das Schicksal der Hitler-Flüchtlinge in Mussolinis Staat jetzt in einer großen zweibändigen Studie erstmals umfassend erforscht hat. Der erste Band erschien zwar bereits vor vier Jahren und schilderte die Phase von der Ankunft der ersten Emigranten im April 1933 bis zum Kriegseintritt Italiens auf Seiten Deutschlands im Juni 1940; doch erst mit dem nun vorgelegten zweiten Band läßt sich ihre Geschichte bis zur Befreiung des Landes durch die Alliierten im April 1945 weiterverfolgen – eine Geschichte im Auf und Ab zwischen Verfolgung und Duldung, Hoffnung und Verzweiflung, vor allem aber auch eine Geschichte voller Überraschungen.

Bereits die bloße Tatsache, daß ausgerechnet das „Erfinderland“ des Faschismus Verfolgte des Nationalsozialismus in seinen Grenzen duldete, will nicht in das sattsam bekannte Bild der beiden eng verwandten Ideologien und treuen Bündnispartner passen. Gerade das Schicksal der Emigranten in Italien aber zeigt, daß dieses Bild in vielen Punkten trügt und zu sehr von der „Achsenpartnerschaft“ der späten Jahre geprägt ist. „Duce“ und „Führer“, Faschismus und Nationalsozialismus waren – so ruft uns Voigt in Erinnerung – nicht von Anfang an eng verbündet, sondern gerade in den ersten Jahren nach 1933 durch zahlreiche Differenzen getrennt. Diese Erkenntnis ist zwar nicht neu, doch sie erhält bei Voigt eine neue Dimension: Daß der Faschismus zunächst ohne Antisemitismus auskam und Mussolini für Hitlers wilden Judenhaß lange Zeit nur Spott übrig hatte, ist bekannt. Aber erst der Umstand, daß Tausende jüdischer Emigranten bei Mussolini Schutz vor Hitler fanden, verdeutlicht das Ausmaß dieser ideologischen Differenz.

Vor diesem Hintergrund zeichnet Voigt die Emigrantenströme seit Frühjahr 1933 nach und schildert die Lebens- und Arbeitsbedingungen im faschistischen Exil. Für den Leser bedeutet es zweifellos eine weitere Überraschung, wenn er erfährt, daß die Emigranten hier von der Bevölkerung weitaus freundlicher aufgenommen wurden, sich freier bewegen konnten und leichter Arbeit fanden als ihre Leidensgenossen in den meisten demokratischen Zufluchtsländern. Vor allem in den norditalienischen Großstädten und in Rom arbeiteten viele von ihnen als Händler oder in der Industrie, einige auch bei Banken oder Versicherungen, hier und da konnten sogar Ärzte wieder praktizieren. Auch die emigrierten Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler – unter ihnen der Autor Rudolf Borchardt, der Maler Felix Nussbaum und der Historiker Theodor Mommsen, der Enkel des gleichnamigen Verfassers der „Römischen Geschichte“ – konnten größtenteils unbehelligt weiterarbeiten.

Mussolinis Annäherung an Hitler machte all dies jedoch zunichte. Nun begann für die Emigranten auch in Italien eine Zeit der Verfolgung: Im September 1938 erließ die faschistische Regierung nach deutschem Vorbild antisemitische Rassengesetze, bedrohte die eingewanderten Juden mit der Ausweisung und verhängte über die Emigranten ein totales Arbeitsverbot. Beim Kriegseintritt Italiens im Juni 1940 wurden nahezu alle Emigranten interniert und ab September 1943, als nach dem Sturz Mussolinis und dem italienischen Waffenstillstand mit den Alliierten deutsche Truppen das Land besetzten, zu Hunderten in die Todeslager außerhalb Italiens deportiert.

Überraschend ist es schließlich auch zu erfahren, daß – so Voigt – „in Italien im Durchschnitt mehr Menschen vor dem Völkermord bewahrt blieben als in anderen Ländern“. Dies verdankten sie in erster Linie den vielschichtigen Machtstrukturen im italienischen Faschismus, die Voigt präzise auslotet und in ihren Auswirkungen bestechend analysiert: Anders als im Hitler-Staat hatten sich hier die Bürokratie und andere wichtige Institutionen der totalen Kontrolle durch das Regime entziehen und teilweise erhebliche Freiräume erhalten können, die nun vielen Emigranten Schutz boten.