Von Joachim Fritz-Vannahme

Verglichen mit dieser Partei, meinte süffisant Otto Graf Lambsdorff vor dem Bundestag, wirke ein Hühnerhaufen wie eine geschlossene Kampfformation. Das Wort ist nicht ganz neu, der bärbeißige Liberale zielte seinerzeit natürlich auf die SPD. Aber beim Anblick der Freien Demokratischen Partei kommt dem Betrachter dieser Tage der Hühnerhaufen doch wieder in den Sinn. Eher mit Personalien, kaum mit Prinzipien füllt die FDP derzeit die Spalten. Ihr fehlt es an Intransigenten, nicht aber an Intriganten. Und deren liebstes Spiel heißt Mensch ärgere dich nicht.

Mit dem neuen Bildungsminister Karl-Hans Laermann, der nicht im Ruch des Intriganten steht und dem von einem Parteikollegen neidlos attestiert wird, er habe es in zwanzig Jahren Bundestag geschafft, sich keine Feinde zu machen: Mit dem derart profilierten Minister und ohne dessen Zutun aber gelang der Fraktion der Aufstand gegen die Führung. Parteichef Klaus Kinkel hatte genauso wie Fraktionsvorsitzender Hermann Otto Solms den Hessen Wolfgang Gerhardt favorisiert – und sei es auch nur, um Jürgen Möllemanns Comeback ins Kabinett abzuwenden.

Viele Freunde hat der clevere Exminister und nordrhein-westfälische Landesvorsitzende in der Bonner Fraktion nicht. An Gerhardt störte wiederum viele, daß der blasse Freund von Solms schon der dritte Quereinsteiger ins Bonner Geschäft und Kabinett gewesen wäre. Wie schon Kinkel und Wirtschaftsminister Günter Rexrodt hätten auch Gerhardt ein Sitz im Parlament gefehlt (und der Reibungswiderstand der selbstsicheren Fraktion). So gaben am Ende beim 41:37-Votum von Vorstand und Fraktion nur zwei Stimmen den Ausschlag für Laermann, mit dem aber alle, so beteuerten die Fraktion wie die Führung und sogar der Kanzler, gut leben können.

Wie aber lebt es sich für die Liberalen am Beginn des Wahljahrs mit solch plötzlichen Auf- und Abtritten im Stile einer Boulevardkomödie? In Berlin nutzte die Partei-Rechte jetzt alte Friseur-Rechnungen, um die Landesvorsitzende endlich zu stürzen. Die linksliberale Carola von Braun, sichtlich mit Eleganz um das Image ihrer Partei bemüht, hatte diese Dienstleistungen aus der Fraktionskasse beglichen. Kein Verbrechen, nicht einmal ein Vergehen, aber in den Berliner Flügelkämpfen – und wieder kommen uns die flatternden Hühner in den Sinn – ein treffliches Argument. In Sachsen-Anhalt suchten vor zwei Wochen der alte und der derzeitige Parteivorsitzende den Konflikt zwischen liberalen Neuerern und alten Blockflöten mit einem Machtwort zu beenden: Doch kaum waren Hans-Dietrich Genscher und Klaus Kinkel aus Halle wieder abgereist, trat ein Landtagsabgeordneter trotzig zu den Antieuropäern von Manfred Brunner über.

Kinkel führt noch nicht einmal ein Jahr lang diese Partei, deren Mitglied der Schwabe erst seit zwei Jahren ist. Dafür mache der Außenminister seine Sache täglich besser und ihm fliege die Sympathie der Basis zu, loben seine Freunde. Aber auch wenn Kinkel Tritt gefaßt hat, wird sich Gelegenheit finden, ihm den Teppich unter den Füßen wegzuziehen. Diese Partei sei eben umtriebig und aufmüpfig wie keine andere, tröstet sich mancher altgediente Liberale...

Aufmüpfig zeigen sich die Freien Demokraten am liebsten gegen ihresgleichen. Im Bonner Alltag vergessen sie aus lauter Höflichkeit die eigenen Ziele – sofern es die überhaupt noch gibt. Mit Zaudern, Zweifeln und Zurückstellen füllen die Liberalen ihre Exerzitien zu Beginn des Wahljahres. Jürgen Möllemanns Konditionen etwa für seine Rückkehr ins Bildungsministerium mögen bloßes Kalkül und mehr von Begehren denn von Aufbegehren geprägt gewesen sein: Sie enthielten gleichwohl, auf wenigen Briefzeilen, eine gnadenlose Kritik an der verfehlten Bildungspolitik dieser christlich-liberalen Regierung. Natürlich habe der ungeliebte Möllemann recht, gewiß brauche es mehr Geld für dieses Zukunftsressort, und ganz sicher sei die Fusion von Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur zu einem großen Ministerium sinnvoll, tuschelten prominente Liberale im nachhinein. Aber, bitte sehr, doch nicht unter diesen Umständen und zu diesem Zeitpunkt; das sei dem Koalitionspartner einfach nicht zuzumuten.