Gerecht ist unsere Empörung und zugleich selbstgerecht. Über den Terror der islamischen Fundamentalisten, der sich sowohl gegen Salman Rushdie richtet als auch gegen alle, die an der Verbreitung seines Romans „Satanische Verse“ beteiligt sind, zudem gegen alle aufgeklärten Intellektuellen der arabischen Welt (siehe nebenstehenden Bericht), müssen wir uns empören. Aber selbstgerecht ist diese Empörung, weil wir leicht vergessen, daß die Meinungsfreiheit nicht allein von fanatischen Muslemen bedroht wird, sondern auch von scheinbar harmlosen und gutwilligen deutschen Zeitgenossen.

In der vergangenen Woche wurde der Historiker Ernst Nolte von einer sogenannten antifaschistischen Initiative mit Gewalt daran gehindert, in Berlin einen Vortrag zu halten. Einer der Demonstranten griff ihn mit Reizgas an, und Nolte wurde ins Krankenhaus gebracht, um dort ärztlich versorgt zu werden.

Einige Tage zuvor konnte eine Tagung in den Räumen der Berliner Technischen Fachhochschule zum Thema „Sexueller Mißbrauch – Evaluation der Praxis und Forschung“ nur unter Polizeischutz stattfinden. Die Schriftstellerin Katharina Rutschky, die einen Vortrag halten sollte, wurde von einer Hundertschaft militanter Frauen tätlich angegriffen.

Aufführungen des Dokumentarfilms „Beruf Neonazi“ von Winfried Bonengel werden von linken und „autonomen“ Kommandos bedroht. Der französische Publizist Alain de Benoist wurde im vergangenen Jahr bei einer Diskussionsveranstaltung zusammengeschlagen. Der australische Philosoph Peter Singer wird wegen angedrohter Attacken kaum mehr nach Deutschland eingeladen.

Allen Beispielen (und sie sind nur eine Auswahl) ist gemein, daß gute Menschen, die sich in den Dienst einer guten Sache stellen, die Diskussion strittiger Themen und Thesen mit Gewalt verhindern. Antifaschisten und Umweltschützer, radikale Vegetarier und Feministen, Tierschützer und Autonome: Einige prügeln, sabotieren, werfen Brandsätze. Nur eins können und wollen sie nicht: zuhören, nachdenken, diskutieren.

Es ist leicht zu verstehen: Wer die Wahrheit in seinem Besitz wähnt, kann sich mit Debatten nicht aufhalten. Und wer außerdem die Wurzel gegenwärtiger Übelstände erkannt zu haben glaubt (wahlweise Sexismus oder Faschismus oder Kapitalismus) – hat der nicht im Sinne eines übergeordneten Notstands das Recht, ja die Pflicht, den Anfängen zu wehren, sei es mit Gewalt?

Das letzte weltliche System, das Wahrheit total und frei Haus lieferte, war der Kommunismus mit seiner geschichtsphilosophischen, eschatologischen Glücksverheißung. Das System ist zerbrochen, und an die Stelle der Verheißung sind die katastrophalen Visionen getreten. Wahrheit erscheint jetzt negativ und weckt eine hysterische Angstbereitschaft, die zum moralischen Faustrecht führt. Wenn es „fünf Minuten vor zwölf“ ist, fehlt einfach die Zeit für Diskussion.