Von Wolfgang Hoffmann

Es klingt paradox: Während der amerikanische Präsident Bill Clinton dabei ist, das deutsche Solidarprinzip der gesetzlichen Krankenversicherung zu kopieren, gewinnen hierzulande die Verfechter des verschlissenen US-Modells an Boden. Liberale Politiker und Wissenschaftler wollen die private Krankenvorsorge beträchtlich ausbauen und im Gegenzug die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) immer mehr reduzieren. Doch was vordergründig als besonders kostengünstiges Gesundheitssystem für das nächste Jahrtausend gefeiert wird, ist in Wirklichkeit ein Vorsorgemodell zur Rettung der privaten Krankenversicherung (PKV). Die nämlich hat abgewirtschaftet und bedarf dringend der Auffrischung durch neue Beitragszahler.

Als Instrument zur Vorsorge für den Krankheitsfall genießt die PKV einen zweifelhaften Ruf. Sie funktioniert im Grunde nur für eine dünne Oberschicht der Gesellschaft, die nicht rechnen muß und von der Hoffnung lebt, Gesundheit mit Geld zu erkaufen. Für diejenigen, die nicht reich sind, gleichwohl zu den Besserverdienenden gehören und sich aus der solidaren Kassengemeinschaft zugunsten der Privatversicherung ausgeklinkt haben, wird das PKV-System mehr und mehr zur drückenden Last. Beim Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen, das als staatliches Kontrollorgan die Verbraucherinteressen schützen soll, stapelt sich mittlerweile die Beschwerdepost der PKV-Kundschaft. Häufigster Klagegrund: die zu hohen Prämien. Auch der Bonner Gesundheitsminister Horst Seehofer wird mit solchen Klagen überschüttet. Er hat dem Assekuranzgewerbe schon qua Amt vorgeworfen, es hätte „die Beiträge nicht im Griff“ und kalkuliere zudem „die Tarife undurchsichtig“.

Immer mehr Versicherte, die sich in die private Krankenversicherung locken ließen, sehnen sich in die gesetzliche Kasse zurück. Die private Kasse powert sie nämlich mit fortschreitendem Alter regelrecht aus. Reich rechnen sich nur die Aktionäre der Versicherungsunternehmen. Der letztjährige Jahresüberschuß der Deutschen Krankenversicherungs AG (DKV) zum Beispiel gestattete nicht nur eine Dividende von sechzehn Prozent, sondern auch noch eine Sonderausschüttung in Höhe von 120 Millionen Mark. Das Geschäft floriert.

Die Kehrseite der DKV-Bilanz sieht weniger rosig aus. DKV-Mitglied Werner H. mußte 1993 eine Prämienerhöhung von zwanzig Prozent hinnehmen; und zum 1. Januar 1994 setzte ihm die DKV weitere zwölf Prozent auf den ohnedies schon hohen Beitrag von 727 Mark drauf. Mit der neuen Prämie von knapp 800 Mark liegt Werner H. deutlich über dem höchsten Beitragssatz in der gesetzlichen Krankenversicherung. Dabei fiel die Prämiensteigerung noch vergleichsweise moderat aus; 1993 sind sogar Zuschläge von vierzig bis fünfzig Prozent bekannt geworden.

Auf Beschwerde rechnete die DKV ihrem Kunden Werner H. indes in ausgeklügeltem Versicherungsdeutsch vor, daß sein Krankenschutz qualitativ ungleich höher als der in gesetzlichen Kassen und daher „nach wie vor als preiswert zu bezeichnen“ sei. Offenbar nicht preiswert genug. Werner H. entschloß sich zum Abspecken seines Leistungstarifs; nun liegt seine Prämie für die Vollversicherung in etwa gleichauf mit der GKV, deren Leistungen kaum schlechter sind. Das hatte man ihm aber vor mehr als dreißig Jahren nicht gesagt, als er vor der Wahl stand, die von den Eltern übernommenen Anrechte in eigener Regie weiterzuführen oder in eine gesetzliche Krankenkasse umzusteigen. Auf Anraten des Versicherungsvertreters blieb er der DKV treu, zumal ihm bedeutet wurde, die langjährige Mitgliedschaft werde gebührend belohnt – eben durch niedrige Beiträge.

Ein paar Jahre lang ging die Rechnung sogar auf. Doch mit fortschreitendem Alter näherten sich die Prämien immer mehr denen der GKV an. Besonders schlecht ist dran, wer verheiratet ist und auch noch Kinder versichern muß. In der GKV sind Frau und Kinder im Beitrag des alleinverdienenden Mannes nämlich automatisch mitversichert.