Von Robert Leicht

Die Schreckensbilder aus Sarajevo lassen den Krieg in Bosnien allgegenwärtig werden. Die Niedertracht der Täter, die Qual der Opfer – sie versetzen die Welt in übermächtige und zugleich doch ohnmächtige Wut. Ohnmächtige Wut? Ja, denn die Hoffnung ist trügerisch, die übrige Staatenwelt könne und werde diesen Krieg von außen und gegen den Willen der drei Kriegsparteien – der Muslime, der Kroaten und der Serben in und um Bosnien – zu Ende bringen.

Wer könnte nicht begreifen, daß angesichts der grauenhaften Metzeleien immer mehr Bürger und Politiker nach Taten verlangen, wenigstens nach Luftangriffen auf die serbischen Artilleriestellungen um Sarajevo? Wenn es denn Serben waren, die jene 68 Toten und die mehr als 200 Verletzten auf dem Gewissen haben. Doch Vergeltung, und sei das Bedürfnis danach noch so vital und verständlich, ist kein Motiv für verantwortliches militärisches Handeln.

Auch im Sturm des Abscheus und der Verzweiflung gibt es kein Ausweichen vor den bohrenden Fragen, die dem zweiten und dritten Schritt nach dem ersten gelten müssen: Wer ist der Gegner? Wozu will und kann man ihn mit militärischen Mitteln definitiv zwingen? Ist der Erfolg wahrscheinlich? Welche Anstrengungen und Opfer würde der Kampf kosten? Und sind diese Opfer den eigenen Bürgern politisch zuzumuten, weil sie im Interesse ihres Staates liegen?

Viele, die jetzt „nur“ Luftangriffe auf serbische Stellungen verlangen, umgehen diese Fragen. Dahinter steht die doppelte Illusion, Gutes sei damit gewiß zu bewirken – und Schlimmeres werde daraus keinesfalls folgen.

Ein paar Luftangriffe, das gibt jeder zu, können den Krieg in Bosnien weder beenden noch verkürzen, noch ernstlich beeinflussen. Er wird sich mörderisch weiterschleppen, bis eine Seite siegt, alle erschöpft sind oder irgendwann sich politische Einsicht unter allen drei Gegnern breitmacht. Im besten Fall werden die Grausamkeiten künftig eben anders und anderswo in Bosnien begangen, weniger medienwirksam. Ist das ein ernstzunehmendes Kriegsziel?

Man wolle doch nicht wirklich Krieg führen, erwidert da ein jeder. Aber in Wirklichkeit gibt es das nicht: nur ein bißchen Krieg. Was mit punktuellen Luftangriffen allenfalls erreicht werden könnte, die Verdrängung bestimmter Kampfhandlungen aus dem Weltbewußtsein, muß abgewogen werden gegen die Gefahr der Verschärfung und Ausweitung des Krieges. Wenn die Staatengemeinschaft in den Bosnienkrieg auch nur einmal direkt militärisch eingreift, macht sie sich insgesamt, macht sie die Uno oder die Nato zur unmittelbaren Kriegspartei. Die UN-Truppen, die ohne schwere Waffen im Lande stationiert sind, um humanitäre Hilfe zu leisten, würden weiterhin schutzlos zu Zielen der Serben. Und was dann: Rückzug der UN-Soldaten, ein Ende der humanitären Hilfe, den Krieg sich selber überlassen? Oder weitere Luftangriffe, gar Bodentruppen nach Bosnien? Es gibt nur einen militärischen Zugriff, der das Risiko weiterer Eskalation ausscheidet – und das ist der Sieg. Wer den nicht erkämpfen will, sollte die Finger vom Abzug lassen.