Von Gerhard Gnauck

BERLIN. – „Messer, Gabel, Schere, Licht sind für kleine Kinder nicht.“ Dieser sinnige Kindervers drängte sich auf, als die Bilder der Präsidenten Jelzin und Clinton aus Moskau über den Fernsehschirm flimmerten. Dort hatten beide ihrem um einen Kopf kleineren Kollegen Krawtschuk die Zusage abgerungen, die in der Ukraine verbliebenen Atomraketen bis zum Ende des Jahrtausends Rußland zu übergeben.

Spaß beiseite: Gewiß ist dieses Abrüstungsversprechen begrüßenswert. Dahinter taucht jedoch die Frage auf, wie lange der Westen den zweitgrößten Staat Europas mit der zweitgrößten Armee des Kontinents weiterhin so stiefmütterlich behandeln kann.

Diese Frage stellt sich auch für Deutschland. Während in Nord- und Südamerika Millionen von Nachfahren ukrainischer Emigranten leben, hat die Ukraine in Deutschland, anders als etwa das Baltikum, keine Lobby. Obwohl in München seit Jahrzehnten die Ukrainische Freie Universität wirkt, ist das Herkunftsland ihrer Dozenten fast unbekannt. Der Westen blickt nach wie vor nur auf Moskau.

Bilder von Clintons Treffen mit Krawtschuk in Kiew haben wir nicht gesehen. Es gibt in der Ukraine, von dessen Haltung die Zukunft der GUS abhängt, keinen deutschen Fernsehjournalisten und gerade mal einen einzigen Presse-Korrespondenten. Kulturell scheint das Land, das über Jahrhunderte (lange vor und auch nach der Gründung Sankt Petersburgs) Rußlands Fenster nach Europa war, heute völlig uninteressant zu sein und, was „Ukraina“ ja auch ursprünglich meint, „am Rande“ zu liegen: am Rande Rußlands, am Rande Europas, am Rande der Zivilisation, Daß die Ukraine die Wiege der russischen Staatlichkeit war, wird ihr nun zum Verhängnis: Historisch und kulturell ist sie ja tatsächlich eine Art siamesische Zwillingsschwester.

Dabei waren sie alle Ukrainer: Gogol und Bulgakow, Oistrach und Horowitz, die Achmatowa und Berdjajew – zumindest in dem Sinne, in dem heute in Kiew, Gott sei Dank noch im Plural, von „den Völkern der Ukraine“ gesprochen wird. Die Ukrainer standen mit an vorderster Front im Kampf gegen die deutschen Besatzer und bei der Eroberung Berlins. Doch wer lädt sie im Sommer zur Abschiedsfeier der Alliierten in die Hauptstadt?

Die Ukraine braucht Beistand. Sie steht am Rande eines Zusammenbruchs. Die Wirtschaft liegt brach, die Stromversorgung ist gefährdet. Das Fernsehen hat seine Sendezeiten reduziert, und aus Mangel an Kernbrennstoffen, die Rußland liefert, sollen in Tschernobyl und anderswo Reaktorblöcke abgeschaltet werden. Derweil fahren Tausende mit den letzten ukrainischen Waren als Straßenhändler nach Warschau und Moskau. Die wirtschaftliche Lage dürfte noch schwerer wiegen als die Nationalitätenfrage; immerhin hat Krawtschuk es bisher geschafft, die Nationalitätenkonflikte einzudämmen, wenngleich die Entwicklung auf der Krim nichts Gutes verheißt.