Der Hauptdarsteller, das tückische Aids-Virus, tritt nicht auf und ist doch in jeder Szene des jetzt bei uns angelaufenen Aids-Filmes „... und das Leben geht weiter“ präsent: im afrikanischen Regenwald, in den Schwulendiscos und Saunaclubs von San Francisco. Der Erreger der rätselhaften Seuche findet überall seine Opfer – auch in den Laboratorien des französischen Pasteur-Instituts und in den amerikanischen Centers for Disease Control. Dort entfacht das Virus zwar keine Infektionen, aber gefährlichen Ehrgeiz, Intrigen und Grabenkämpfe um Forschungsgelder und -ruhm. Im Wettlauf um die Entdeckung des geheimnisvollen Virus gab es etwa das spektakuläre Rennen zwischen dem Franzosen Luc Montagnier und dem Amerikaner Robert Gallo.

Allerdings: Ohne den Ehrgeiz der beiden Kontrahenten wären die Entdeckung des Erregers und ein zuverlässiger Test nicht so schnell möglich gewesen. Genau dies bezweifelt jedoch Roger Spottiswoode, der Regisseur des Films. Um einer überflüssigen Filmdramatik willen konstruiert er einen Skandal. Versäumnisse der Forscher hätten angeblich dazu geführt, daß die Listen der Aids-Opfer, die in den Film ständig eingeblendet werden, immer länger wurden. Dabei unterschlagen die Drehbuchautoren, daß erfolgreiche medizinische Forschung nun einmal viel Zeit und Geld erfordert. De facto standen den US-Gesundheitsbehörden damals reichlich Mittel zur Verfügung. Für fehlendes Geld und mangelnden Einsatz den Präsidenten Reagan oder die Hersteller von Aids-Medikamenten verantwortlich zu machen ist infam. Übrigens wollten nicht nur die Regierung in Washington und mainstream America von der Homosexualität nichts wissen, sondern auch die Direktoren der Traumfabrik Hollywood.

Hier dürfte der wahre Grund liegen, warum Aids als Filmthema so lange tabu war. Die Stimmung, die der Film nachzeichnet, hat sich geändert. Heute wird in den Vereinigten Staaten offen über die sexuelle Orientierung prominenter US-Bürger gesprochen.

Der deutsche Zuschauer, der all dies nicht weiß, erhält zwangsläufig einen falschen Eindruck, ja er könnte sogar aus dem Film entnehmen, die Immunschwächeseuche Aids ginge ihn wenig an. Doch schon der Titel dieses Aids-Epos, eine Mischung aus Dokumentation, Seifenoper und Krimi, stimmt nicht, denn das Leben mit Aids geht eben nicht weiter. Weder für die Schönen und Reichen in Hollywood noch für die Häßlichen und Armen in Afrika und in den Ghettos der amerikanischen Metropolen. Regisseur Spottiswoode zeigt gutgekleidete Wissenschaftler und schwule Yuppies, aber nicht das Elend junger Menschen, die sich beispielsweise im Crackhouse New York (Sex für Crack) mit dem Virus infizieren. Die Slumbewohner betteln um einen Schlafplatz in Heimen, sie krepieren im Gefängnishospital oder in den ausgebrannten Ruinen in Harlem oder der South Bronx.

Im Film geht es nur oberflächlich um die HIV-Infektion. Bestsellerautor Randy Shilts, auf den das Drehbuch zurückgeht, beklagt in erster Linie die Diskriminierung von Schwulen. Und das mit Recht. Schließlich konnte auch dieser Streifen nur produziert werden, weil prominente Schauspieler wie Richard Gere sich überwunden haben, in einem Schwulenfilm mitzuspielen.

Hans Harald Bräutigam