Endlos zieht sich eine Nachtschicht in der Müllverbrennungsanlage hin. Nur ein paar Männer halten den Betrieb in Gang, einer „fährt“ die Steuerwarte, ein anderer schwebt in einem Kran über dem Ofen. Drei, vier Facharbeiter sind mit Wartungsarbeiten beschäftigt. In so einer Nacht soll der 28jährige Elektriker Rainer W. einmal seinen Seitenschneider aus der Tasche hervorgeholt und geprahlt haben, damit könne man auf der Baustelle der neuen Müllverbrennung, die in direkter Nachbarschaft gerade hochgezogen werde, manchen Schaden anrichten, Kabel kappen beispielsweise.

Eine Woche später wurden auf der Baustelle tatsächlich umfangreiche Schäden an der elektrischen Anlage entdeckt. Kabel waren unterbrochen, Schaltkästen durch heimlich angebrachte Leiterbrücken sabotiert.

Ob das nur ein dummer Zufall war, muß nun das Hamburger Amtsgericht klären.

Rainer W. ist ein kleiner, drahtiger Mann. Sein kurioser Konfirmandenanzug nimmt ihm nichts von seinem Selbstbewußtsein. Er habe mit der Sache nichts zu tun, antwortet er knapp auf die Vorwürfe. Vorsichtshalber hat er eine Rechtsanwältin mitgebracht, eine Maßnahme, auf die viele, die sich unschuldig glauben, verzichten.

In der Nacht vom 26. zum 27. Juli 1992, sagt Rainer W., sei er das einzige Mal auf der Baustelle gewesen. Er erinnere sich noch so genau, weil es dort einen Unfall gegeben habe. Ein Schweißer sei in einen Fahrstuhlschacht gestürzt. Die Rettungswagen hätten den Unfallort zwischen den verschiedenen Türmen der Müllverbrennung nicht finden können, da habe er ihnen den Weg gezeigt. Genützt habe es nichts mehr, der Arbeiter sei sofort tot gewesen.

Thomas W. gibt zu, später gesagt zu haben, mit einem Seitenschneider könne er die Kabel durchschneiden. Er wisse, das sei von Fremden kaum zu verstehen. Aber man säße so acht Stunden rum, und „irgendwie hat immer einer so einen Spruch gemacht“.

Auch der Schaltwart A. erinnert sich an das nächtliche Gespräch, und auch er behauptet, jeder von ihnen hätte so etwas einmal gesagt, der eine wollte den Schornstein des Neubaus zum Einsturz bringen, ein anderer Feuer legen. Dem dicken, ruhigen Mann sind die infantilen Späßchen heute unangenehm: „Wie gesagt, alles blödes Zeug.“ Warum der Neubau die Zielscheibe der „Sprüche“ war, möchte er nicht sagen. Erst nach bohrenden Fragen des Richters erklärt der Zeuge: „Na ja, wenn die neue Anlage fertig ist, gehen bei uns die Lichter aus.“ Aber Angst um den Arbeitsplatz habe keiner gehabt, sie würden dann halt woanders in Hamburg eingesetzt. Und: „Hör’n Sie, Schichtdienst in ’ner Müllverbrennung, viel schlechter kann’s ja nicht werden.“