Von Christian Tenbrock

Armando Codina verließ Kuba, als er dreizehn war. Heute ist er sechsundvierzig und Millionär. Im Süden von Miami, an der Biscayne Bay, baut seine Firma einen Country Club mit Villen, Appartementhäusern, Bootshäfen und einem Golfplatz. Am Flughafen errichtete er ein 800 000 Quadratmeter großes Büro- und Ladenzentrum. In Miami zählt Codina zur Machtelite. „Und wenn ich einhundert Jahre lebe“, sagt er, „kann ich diesem Land nicht wiedergeben, was es mir geschenkt hat.“

Codina ist ein Symbol für die Metamorphose der Stadt von einer verschlafenen Südstaatengemeinde zur internationalen Megalopolis. Das Unternehmen des kubanischen Immigranten wuchs aus einer winzigen Computerfirma zu einem Millionengeschäft, seine Stadt mit einer Million Latinos im Großraum von einem reinen Reiseziel sonnenhungriger Touristen zu einem Tor zur Welt.

Miami soll auch die Tür nach Kuba sein. Zwölf bis achtzehn Monate werde es noch dauern, bis Fidel Castro fällt, schätzt der Bankier Carlos Arboleya. Pläne für den Wiederaufbau der Zuckerinsel liegen bereits in den Schubladen der Exilanten. Miami werde profitieren, prognostiziert Arboleya – „und zwar in kolossalem Ausmaß“, Kuba sei ein Markt mit zehn Millionen Konsumenten, „die praktisch alles brauchen“, fügt Codina hinzu.

Sonniger Optimismus ist Charakterzug Miamis, seitdem es vor knapp hundert Jahren gegründet wurde. Dabei steckten die Metropole wie auch der Bundesstaat Florida noch vor zwölf Monaten in einer der schlimmsten Wirtschaftskrisen ihrer Existenz. Während der achtziger Jahre war Floridas Bevölkerung um ein Drittel auf über dreizehn Millionen gewachsen; rund tausend Neuankömmlinge pro Tag sorgten für eine Verdoppelung der Wirtschaftskraft in nur einem Jahrzehnt. Dann wütete die Rezession: Die Arbeitslosigkeit lag über Jahre höher als im Rest Amerikas. Die Bautätigkeit kam völlig zum Erliegen, über zwanzig Prozent der Bürofläche stehen immer noch leer. Banken und Sparkassen brachen zusammen. Auch die Natur war Florida nicht wohlgesonnen. Existenzen wurden zertrümmert, und Träume zerplatzten, als Hurrikan Andrew im Sommer 1992 den Südteil des Bundesstaates verwüstete.

Andrews Spuren sind noch heute sichtbar. Aber längst ist kokette Zuversicht nach Miami zurückgekehrt. „Aus der Rezession werden wir uns herausarbeiten“, findet Stephen Morell, Ökonom an der Barry-University. „Dies ist eine Stadt, die ständig neue Chancen schafft.“

Freilich nicht für jedermann: Miami sei ein Ort, an dem „nicht nur erste und dritte, sondern die erste und die vierte Welt gnadenlos aufeinandertreffen“, merkt ein scharfsinniger europäischer Beobachter an. Nach wie vor ist die sonnige Großstadt die Drogenkapitale Nordamerikas, durch die siebzig Prozent des in den Vereinigten Staaten konsumierten Kokains geschmuggelt werden. Schulen sind überfüllt, Straßen verstopft, und der Haushalt der Stadt steckt tief in den roten Zahlen. Miami führt praktisch alle Statistiken über Gewalt, Armut und Obdachlosigkeit in Amerika an; den schwarzen Bewohnern geht es schlechter als Schwarzen in 23 anderen urbanen Zentren des Landes. Viermal in den vergangenen dreizehn Jahren entlud sich das Elend in den Armengebieten in Orgien der Gewalt. Bis auf den heutigen Tag, so der PR-Unternehmer Leslie Pantin, „sind persönliche Kontakte zwischen den Rassen praktisch nicht existent. Miami ist kein melting pot.“ Aber wirtschaftlich geht es in Stadt und Bundesstaat wieder aufwärts. In der Zahl der Firmenneugründungen nimmt Florida einen Spitzenplatz ein; beim Zuzug neuer Einwohner liegt der Bundesstaat in Amerika unangefochten auf dem ersten Rang. Vor allem aber ist Florida in der Internationalisierung seiner Wirtschaft anderen Teilen des Landes ein gutes Stück voraus. Nur New York besitzt mehr internationale Banken. Dreizehn Seehäfen und sieben Großflughäfen schaffen Verbindungen nach Übersee. Der internationale Handel machte 1992 gut 35 Milliarden Dollar aus – dreimal mehr als die Landwirtschaft, und mehr als der Tourismus umsetzte. Ein Drittel aller US-Exporte nach Lateinamerika und in die Karibik werden über Florida abgewickelt.