Von Martin Merz und Sabine Rückert

Wenn Sie schlau sind“, sagt der Steuerberater, „dann treten Sie aus der Kirche aus. Da sparen Sie acht Prozent von der Einkommensteuer. Und ein guter Mensch können Sie auch so sein.“

Diesem oder anderen klugen Ratschlägen folgten nach den letzten Erhebungen rund 200 000 Katholiken und über 300 000 Protestanten – die waren schon immer ein bißchen schlauer. Den Kirchen geht es heute nicht anders als Parteien, Gewerkschaften und Vereinen für Leibesübungen, ihnen laufen Mitglieder in Scharen davon. Die katholische Wochenzeitung Rheinischer Merkur hat jenen urbanen Idealtypus geoutet, der seiner Kirche in aller Stille über einen kleinen Spaziergang zum Einwohnermeldeamt den Rücken kehrt: Er ist männlich, zwischen zwanzig und vierzig Jahre alt, von hoher Schulbildung, oft Angestellter, Single, erfolgreich und erfolgversprechend, Krisen überspringt er – noch. Die Kirchen müssen damit rechnen, daß gesellschaftliche Machtpositionen in Zukunft mehr und mehr von Zeitgenossen besetzt sind, die zu keiner Religionsgemeinschaft mehr gehören.

Unter 662 Abgeordneten des deutschen Bundestages saßen nach der letzten Wahl zwar nur ein Atheist und vier bekennende Konfessionslose. 189 Volksvertreter aber stehen schon zu keiner Kirche mehr.

Noch gibt es ein paar Posten, die kriegt man als Konfessionsloser bestimmt nicht. Seit dem 1. Oktober 1993 zahlt Renate Schmidt wieder Kirchensteuer – nach fast dreißig Jahren. Sie ist Spitzenkandidatin der SPD in Bayern, erfolgreich, und sie verspricht sich noch mehr Erfolg: das Amt des Ministerpräsidenten. Was aber auf den ersten Blick wie ein Karriereschachzug aussieht, ist das Ergebnis langen Abwägens: „Ich bezweifle, ob wir glücklich werden, wenn wir überhaupt kein geistliches Gerüst mehr haben. In einer Zeit, wo alle austreten, trete ich ein.“

Für die meisten, die noch dazugehören, sind die Volkskirchen Dienstleistungsbetriebe für religiöse Zeremonien auf Abruf. Auf diese Weise zählen die Kirchen immerhin noch 71 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung zu ihren Herden.

Doch die alten „kirchlichen Milieus“ halten der postmodernen Industriegesellschaft nicht mehr stand, sie werden hohl und lösen sich auf. Das Dorf gibt es nicht mehr, in dem der Pfarrer von allen geliebt und geachtet ist, die Frauen in geschlossener Trachtenfront in der Kirche sitzen und die Männer im Wirtshaus das Ende des Hochamts abwarten. So verdünnen sich auch der „rheinische Katholizismus“ und der „schwäbische Pietismus“. Wo jeder normale Mensch dreimal im Leben den Wohnsitz wechselt, wo Afrikaner und Asiaten mit ihren Kulturen und Religionen dazugehören und wo Thomas Gottschalk den Wochenhöhepunkt ausmacht, da ist das Kulturmonopol der Kirche gebrochen.