Von Arne Daniels und Dietmar H. Lamparter

Schwierige Verhandlungen ist Frank Bayer als Betriebsratsvorsitzender einer kleinen Fahrradfabrik im östlichsten Winkel Sachsens eigentlich gewohnt. Doch was sich Ende Januar bei der Sachsen Zweirad GmbH in Neukirch abspielte, übertraf alles bisher Dagewesene. „So eine verheerende Situation habe ich in meinem Leben noch nicht durchgemacht“, stöhnt Bayer. Für ihn und seine Betriebsratskollegen, allesamt Gewerkschaftsmitglieder, verkehrten sich die Fronten. Bis zuletzt versuchte eine hochrangige Delegation der IG Metall aus Dresden, die Arbeitnehmervertreter von Sachsen Zweirad davon abzuhalten, mit ihrem Unternehmen eine Betriebsvereinbarung abzuschließen.

Doch die Betriebsräte unterschrieben den Vertrag, der den Fahrradbauern über mehrere Monate Arbeitszeiten von zehn Stunden täglich zumutet. Um teure Überstunden in der Hochsaison, Kurzarbeit im Herbst sowie aufwendige Lagerhaltung zu vermeiden, sollen von März bis Juli je nach Auftragslage zusätzlich zur normalen 39-Stunden-Woche bis zu zehn Stunden wöchentlich „vorgearbeitet“ werden. Die Mehrarbeit wird dann im nachfrageschwachen Herbst durch Freizeit abgefeiert.

Vom zweiten Stock ihres Fabrikgebäudes aus können die Neukircher Arbeiter ins Nachbarland schauen: Nur einen Kilometer Luftlinie entfernt liegt Tschechien. – dort verdient ein Arbeiter nur ein Fünftel. Das brauchte der Chef in den Verhandlungen erst gar nicht zu erwähnen. Die „angespannte Kostensituation“, mit der Geschäftsführer Karl-Heinz John argumentierte, die Angst um die Existenz des jungen Betriebes wischten letztlich alle Bedenken beiseite. „Wir können nicht warten, bis uns andere den Weg aufzeigen“, begründet Bayer den Verstoß gegen die gewerkschaftliche Solidarität.

Fünfhundert Kilometer weiter westlich in Mönchengladbach machte Hans-Günter Steins, Betriebsratschef beim Textilmaschinenbauer Schlafhorst, ähnlich schwere Stunden durch. „Der Druck war enorm“, sagt der altgediente IG-Metaller. Leopold Dieck, der Vorstandsvorsitzende, stellte die Arbeitnehmervertreter vor die Alternative: Entweder sinken die Personalkosten um 24 Millionen Mark, oder 500 Arbeitsplätze wandern ins Ausland ab. Damit der Weltmarktführer, der durchaus nicht über leere Auftragsbücher klagt, mit den Kampfpreisen der japanischen Konkurrenz mithalten kann, wird nun de facto die 40-Stunden-Woche wiedereingeführt. Zugleich darf die Arbeitszeit in einem Korridor zwischen 32 und 48 Wochenstunden schwanken. Die Gegenleistung des Unternehmens: eine pauschale Abgeltung der Mehrarbeit, die in eine Alterssicherung eingezahlt wird, die Zusage, die kommende Tariferhöhung nicht mit übertariflichen Leistungen zu verrechnen, sowie eine Arbeitsplatzgarantie für die Laufzeit des Vertrages. Mit „gehörigen Bauchschmerzen“ unterschrieben Steins und seine Kollegen die Vereinbarung, die in einigen Bereichen „aus den Tarifverträgen hinauswanderte“. Schließlich ist die Schlafhorst-Gruppe bereits mit Werken in Indien, Tschechien und Rußland vertreten.

Beispiele wie diese bilden, neben Umsatzeinbrüchen und massivem Arbeitsplatzabbau, den Hintergrund der laufenden Tarifverhandlungen. IG Metall und Arbeitgeber ringen nicht nur um Beschäftigungssicherung und Lohnkosten, sondern auch um eine „Tarifpolitik à la carte“, die den Unternehmen betriebsspezifische Lösungen erlaubt. Denn die Textilmaschinenbauer vom Niederrhein und die Fahrradfabrik aus dem sächsischen Grenzland sind keine Einzelfälle: Um Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, schließen fast wöchentlich Unternehmen der bedrängten Metallbranche betriebliche Vereinbarungen, die die Grenzen der Tarifverträge bis aufs äußerste ausreizen und oft auch darüber hinausgehen. Konzerne wie Opel, Audi und Mercedes gehören ebenso dazu wie der Krefelder Maschinenbauer Wahlfeld und zahlreiche Kleinunternehmen.

Die genaue Zahl kennt niemand – in einigen Regionen sollen sich nach Schätzungen bis zu fünfzig Prozent der Unternehmen mit Betriebsvereinbarungen klammheimlich aus den Tarifverträgen verabschiedet haben. Die IG Metall akzeptiert oftmals zähneknirschend derartige Vereinbarungen; in anderen Fällen drückt sie beide Augen zu, um es sich nicht endgültig mit den um ihre Jobs bangenden Kollegen zu verderben.