Von Ulrich Stock

Ottensen hat in Deutschland noch keinen Namen. In der Welt schon eher. Das liegt an den vielen Ausländern, die in diesem Hamburger Stadtteil wohnen (27 Prozent), und an dem Bau einer Einkaufspassage auf einem Judenfriedhof, den zu verhindern vor zwei Jahren orthodoxe Juden aus aller Herren Länder angereist waren. Sie legten sich vor die Baggerschaufeln; Polizisten trugen sie weg. Uniformierte Deutsche gegen schwarzgekleidete Rabbiner – die Bilder weckten schlimme Erinnerungen, beim SPD-Vorsitzenden von Ottensen rief besorgt seine in New York lebende Schwester an: „Was macht ihr denn mit den Juden?“

Seither ruht die Baustelle. Religiöse Gutachten wurden gefertigt, Kompromisse geschlossen. Das Erdreich darf nicht angetastet werden, die Passage soll jetzt über dem Friedhof errichtet werden, nicht auf ihm. Man könnte es eine semantische Lösung nennen. Oder eine symbolische.

Das mußte so kommen. Denn Ottensen ist kein Ort, an dem 1:1 gedacht wird. In Ottensen sind die schwierigsten Dinge einfach und die einfachsten Dinge schwierig. Eine simple Einkaufspassage zu errichten ist fast unmöglich (aber nicht etwa deshalb, weil sie auf einem Judenfriedhof zu stehen kommt – dazu gleich mehr); eine Hundertschaft bettelnder, lärmender, saufender Punks auf einem slumähnlichen Bauwagenplatz zu ertragen ist für die Nachbarn hingegen kein Problem (daß es natürlich doch ein Problem ist, was aber nur ungern eingestanden wird – dazu später).

In Ottensen vollendet sich Politik in Semantik und Symbolik. Es geht immer darum, das hinter dem Sichtbaren verborgene Eigentliche zu erkennen – und zu bekämpfen. Ein teures Auto zum Beispiel ist in Ottensen ein dickes Auto, das sich breitmacht, dessen Fahrer sich nicht wundern muß, wenn ihm der Lack zerkratzt oder der Reifen zerstochen wird. Ein Auto mit auswärtigem Kennzeichen ist ein Auto, das hier nicht hergehört. Oder das Zeise-Kino, das vergangenes Jahr in einer ehemaligen Schiffsschraubenfabrik eröffnete, das in ganz Hamburg wegen seiner Schönheit und seines Programms gepriesen wird: den idealtypischen Ottenser erfüllt es mit Ingrimm, weil es Fremde anzieht, die sich hier nur vergnügen wollen. Jemand, der in eine teure Wohnung zieht, ist ein Scheißreicher, der den Stadtteil zerstört, und wer es wagt, ein Schickimicki-Restaurant wie das „Eisenstein“ zu eröffnen – womöglich noch mit weißen Tischdecken! –, der ist ein Fall für das „Stadtteilplenum“, der muß sich auf Farbe und Steine gefaßt machen.

Wie viele der 33 000 Ottenser so denken, ist unklar, aber auch unwichtig: Denn gehört wird nur, wer den Ton angibt – und das sind die linken Bürgerinitiativen mit ihren vielleicht hundert Aktivisten und den ungezählten Sympathisanten.

Da steht, seit den fünfziger Jahren, ein Kaufhaus in der Fußgängerzone vor dem Altonaer Bahnhof. Jeden Sonnabend Volksfest am Grabbeltisch, Ottensens Hertie: eine Goldgrube. Ende der achtziger Jahre wird es plötzlich geschlossen. Niemand weiß, warum. Ein Investor will das leerstehende Kaufhaus und ein paar Nachbargebäude abreißen, um eine große Passage zu errichten. Seine Argumente: viel Laufkundschaft, die Bahnhofsnähe, Ersatz für den Hertie-Magneten. Andererseits: Passagen sind teuer und ziemlich langweilig, wie fast überall zu besichtigen. Gibt es keine besseren Ideen? Doch so gelassen wird in Ottensen nicht diskutiert. „Konsumtempel“ wird die Passage von ihren Kritikern getauft, und alles Böse der Geschäftswelt wird ihr auf Flugblättern zugeschrieben: „Gepflegtes Shopping, kulturelles Ambiente, dezenter Luxus, der zum Treffen schöner, sportlicher Menschen in klimatisch anregender Atmosphäre einlädt, durch Wachdienste keimfrei gemacht.“ Schon sieht man Ärzte, Architekten, Broker, Werbe- und Filmleute den Stadtteil überfremden (wörtlich: überfremden), die Mieten ins Unermeßliche steigen, die Fratze des Kapitalismus über Ottensen grinsen.