Deutsche Familie

Es gibt Jahre, da stellt sich erst am Ende heraus, daß sie in gewisser Beziehung für die Katz waren. Andere Jahre wiederum zeigen gleich zu Beginn, daß man mit bestimmten Fortschritten in ihrem Verlauf nicht mehr rechnen kann. Zum Beispiel 1994. Die Deutsche Bundespost nämlich präsentiert: „Internationales Jahr der Familie – Vereinte Nationen – Deutsche Bundespost“, ihre neuesten Briefmarken. Was ist darauf zu sehen? Die Familie wie aus dem Bilderbuch. Opa, Enkel, junges Paar, mit Kleinkind, ohne Kleinkind. Sogar der deutsche Durchschnittshund fehlt nicht: eine Dackel-Schäferhund-Boxer-Mischung. Die Menschen alle hellhäutig, die Haare blond, allenfalls sanft ins Bräunliche weisend. Keine dunkle Haut, keine schwarzen Locken, nicht einmal ein Schnurrbart, so sehen sie also aus, die deutschen Menschen Vereinter Nationen. Multikulturell – wer will das schon? Oder ein Paar aus zwei Männern. Oder aus zwei Frauen. Vielleicht mit Kind. Das hätte eine wahrhaft schöne Marke werden können – und ein toller Skandal! Wie sehr wäre die Politik in Zugzwang gekommen, wenn die Post einmal die kleine Vorlage gewagt hätte! Aber nein: 1994. Abgehakt.

Sauber eingepackt

Was eigentlich lernt ein junger Mann bei der Bundeswehr? Wer nicht dabei war, muß raten. Lernt er schießen? Panzer fahren? Marschieren, saufen oder Skat? Es blieb ein Geheimnis.

Doch einer brach sein Schweigen. Michael Stich, jener Tennisprofi aus Elmshorn mit dem typisch Holsteiner Charisma. Wir erinnern uns: Im Gegensatz zu dem Leimener B., der sich durch Flucht entzog, absolvierte Stich seinen Grundwehrdienst, hochanständig. Und in einem beinharten Interview-Aufschlag in Focus verrät er, was er beim Bund fürs Leben lernte. „Ich besaß zwar gegenüber meinen Kumpels in der Kaserne einen gewissen Sonderstatus, doch ich wollte das unbedingt hinter mich bringen. Und ich kann guten Gewissens sagen, daß mir diese Geschichte nicht geschadet hat: Beim Militär habe ich viele kleine Dinge gelernt, wie zum Beispiel korrekt meine Tasche zu packen und meine Sachen sauberzuhalten.“ Die neue Sinnsuche der Bundeswehr – ausgerechnet ein Tennisspieler hat ihr den Weg gewiesen. Wann immer fortan der Champion seine Tasche auf dem Court abstellt, werden Millionen leise „Danke, Michael“ flüstern.