Bonn, Hanglage

Natürlich mußte der stern wieder die Menschheitsgeißel schwingen, dem Volk ordentlich protestantisch ins Gewissen predigen und gleich einen tropffesten Tresenbericht über den „Familienkiller Alkohol“ liefern. Und damit der berüchtigte Hamburger Kneipenjournalismus recht behält, trat sofort Bildungsminister Ortleb zurück, ach was, er (Bild) „stolperte über Alkohol“. Wie sollte man auch nicht schwermütig werden, wenn man ständig Wissenschaftsräte einberufen und Bundesausbildungsförderungsgesetze zu novellieren hat! Es müßte einer schon eine Leber aus Stein haben, wenn er hier moralisch temperenzlert. Aber genau so ist die schwanke Gefühlslage der Nation: unfroh, streng und schlecht gelaunt. Auch der fröhliche Klavierspieler Günther Krause ist vergangenes Jahr diesen staubigen Tugendwächtern zum Opfer gefallen. Im Kabinett Kohl wird nämlich nicht getrunken. Der Chef kann zwar auch maßlos sein, er frißt für drei, aber getrunken, nein, getrunken wird nicht. Kann es da ein Zufall sein, daß gerade diese Regierung so krottenschlecht dasteht? Steuern, Preise, Mieten, alles steigt, eben werden die neuesten Arbeitslosenzahlen hereingereicht: Ausnüchterungszelle Deutschland. Aber es kann mit unserem Volk nicht aufwärts gehen, wenn ihm der Alkohol verweigert wird. Es ist höchste Zeit für ein bißchen fröhliche Trunkenheit am Staatsruder. Von der Sowjetunion lernen heißt trinken lernen: Boris Jelzin zum Beispiel, wie sonst käme er mit Rußland zurecht in diesen schwierigen Zeiten? Nicht anders in der Heimat: Alle Welt zitterte 1962 vor einem Atomkrieg, russische Raketen unterwegs nach Kuba, Kennedy am roten Knopf. Der deutsche Verteidigungsminister, Strauß seines unvergessenen Namens, lag sturzbetrunken unter einem Busch und ließ die Gefahr vorüberziehen. Dieses souveräne Krisenmanagement fehlt uns heute. Der böse Alkohol, du guter stern, mag Familien killen, unsere langweiligen Minister können gar nicht genug trinken.

Endlich: Das Debatten-Mosaik

Waren Sie schon in „Short Cuts“? Wenn nicht, brauchen Sie jetzt nicht weiterzulesen. Der Film „Short Cuts“ von Robert Altman, klug und breit reflektiert und analysiert von unserem Fachkollegen, wirft eine Frage auf, die wir niemandem, der diesen Film gesehen hat, ersparen können: Ist der kleine, weiße Hund von Polizist Shepard am Ende des Films noch derselbe wie am Anfang? Zur Erinnerung: Polizist Shepard setzt das ewig kläffende Tier mitten im Film entnervt in irgendeiner Straße aus und holt es, durch glücklichen Beischlaf mit der Gattin innerlich befriedet, wieder ins Haus zurück. Vorher ein kleines, weißes Hündchen, nachher ein kleines weißes Hündchen. Aber ist es auch dasselbe kleine Hündchen? Die Redaktion der ZEIT ist in dieser Frage gespalten. Vergleichende Studien (Schwanzwedeln, Augenaufschlag, Fellstruktur, Reaktion der Kinder, Gangart des Hundes) helfen nicht weiter. Die Romanvorlage verhält sich in dieser delikaten Frage eindeutig: Bei Raymond Carver ist es nur der gleiche, aber nicht derselbe Hund. Aber was ist uns ein Buch, verglichen mit dem eigenen lebend’gen Sinneseindruck? Kurz gesagt: Wir sind am Ende. Die Extrempositionen, „100 Prozent derselbe“ (leidenschaftlich vertreten durch die Literaturredaktion) und „100 Prozent ein anderer“ (unerbittlich verteidigt von der Kinoredaktion), stehen einander unversöhnlich gegenüber. Deswegen unsere Bitte: Entscheiden Sie schnell und unbürokratisch! Wie viele Hunde ist der Hund? Karten erhalten Sie an Ihrer Kinokasse.

Joseph Cotten

Er war stets der brave, biedere Mann an der Seite der Genialen, Mächtigen, Ungestümen – bei King Vidor („Duell in der Sonne“), Carol Reed („Der Dritte Mann“), vor allem aber bei Orson Welles („Citizen Kane“, „Der Glanz des Hauses Amberson“). Mit Welles begann seine Karriere als Schauspieler, im Theater zunächst, im Mercury Theatre of the Air, 1941 dann auch im Kino. Neben Citizen Kane, dem Unergründlichen, war er der nice guy, der auch bekunden wollte, wofür er einstand, dabei aber so berechenbar blieb, daß Kane stets zu formulieren wußte, was ihn im Innersten trieb. Hitchcock nutzte in „Im Schatten des Zweifels“ dieses Image des Ewig-Harmlosen, um seine Rolle als Witwenmörder abzuschwächen, ihn als Getriebenen zu charakterisieren, der sich berufen fühlt zu zerstören. Die fünfziger und sechziger Jahre brachten nicht den Erfolg, den er nach diesem furiosen Auftakt in den Vierzigern erwarten durfte. Es gelang ihm jedoch immer häufiger, auch das Düstere hinter der biederen Fassade auszuspielen – neben Marilyn Monroe in Henry Hathaways „Niagara“ oder neben Olivia de Havilland in Robert Aldrichs „Wiegenlied für eine Leiche“. Am Sonntag ist Joseph Cotten im Alter von 88 Jahren in Los Angeles gestorben.