Fall-Beil

Nicht als Soldat, nur als Sanitäter wollte Franz Jägerstätter für Hitler in den Krieg ziehen. Und er sagte auch laut, warum. Deshalb wurde der 36jährige oberösterreichische Bauer 1943 in Berlin hingerichtet. Zu seinem 50. Todestag gab es in Wien eine Sonderbriefmarke, in Rom läuft ein Seligsprechungsverfahren für den Märtyrer. Ein unseliger Spruch aber kommt noch immer aus Berlin: Jägerstätter sei eine Person ohne Bedeutung „für die Allgemeinheit“. So begründete das Bundesvermögensamt seine Weigerung, an seinem Amtsgebäude, in dem damals das Bluturteil gefällt wurde, eine Gedenktafel anbringen zu lassen. Und das Berliner Kammergericht entschied eisern, wenn auch ohne Fallbeil: Solches Gedenken werde „unter keinen Umständen gewünscht“.

Mahlzeit

Es fehlte nicht an Themen, als sich Staatsmann Kohl und Präsident Clinton in Washington trafen. Die Lage in Rußland, die „Partnerschaft für den Frieden“ – Realpolitik als Mahlpolitik. Denn das war der Höhepunkt: ein festliches Essen in fünf Gängen. Was die Herren zu sich nahmen, im Zeichen der Zeit? Keine serbische Bohnensuppe, keinen Amselfelder – Krieg verlangt Kompromisse. Nein, italienisch aßen die Herren, diplomatisch unverdächtig, kulinarisch unbelastet, diätisch ein Waterloo. Newsweek nennt bedrückende, brutale Zahlen. Allein die Vorspeise (Carpaccio) glatte 1016 Kalorien! Ravioli, Helmuts Hauptspeise, 813 Kalorien. Und dann noch das Dessert, Zabaglione, mit 739 Kalorien. Wir finden das lecker. Gourmets aus der Wirtschaft ebenso. Sie reden von Lean Production, von „schlanker Produktion“. Das hat nichts mit Ravioli zu tun, aber mit den Wahlen im Oktober. Wenn die abgeschlankten Sozialleichen im Freizeitpark kollektiv wählen gehen, dann droht dem Kanzler Rübensuppe.

Wirklichkeit

Leipzig kommt“, wirbt die Metropole an der Pleiße und läßt ihre Beamten für den Aufschwung nachsitzen. Wirtschaftsdezernent Christian Albert Jacke schickt die fünfzig Mitarbeiter seines Amts hinaus in die wilde Welt der freien Wirtschaft. Sie sollen die „realen Abläufe“ in den Firmen kennenlernen. Ob die Beamten ihre Anzüge gegen Blaumänner eintauschen, um an der Stanze acht Stunden täglich zu arbeiten, oder ob sie an den Schreibtischen Formulare ausfüllen werden – darüber hat Herr Jacke noch nicht nachgedacht. Das Leipziger Modell könnte auch auf jene Beamte angewendet werden, die mit überhöhten Gehältern auffallen. So kassierten zwei Staatsdiener aus dem Westen jeweils jährlich 230 000 Mark aus der Leipziger Stadtkasse. „Überzogen“, befand der sächsische Landesrechnungshof. Werden die beiden Herren jetzt vom Wirtschaftsdezernenten in den Tagebau von Espenhain delegiert, um die realen Abläufe des Geldverdienens kennenzulernen? Die Stadtverwaltung schweigt.