Von Manfred Sack

Linz – so sagt die Stadt von sich – lebe auf: „Industriemetropole in einer der schönsten Regionen Österreichs“ – „Zukunftsorientierung“ – „Verkehrsdrehscheibe“ – „Ausreichende Parkfläche“ – „Linz setzt Zeichen!“ Und da der kommunale Wohlstand der Landeshauptstadt an der Donau mit dem Unwohl seines allergrößten Industriebetriebes, der riesigen Vereinigten Österreichischen Eisen- und Stahlwerke (VÖEST), gelitten hat, brauchte es ein Signal der Selbstbehauptung. Das hat sie sich nun gebaut, eine Ausstellungs- und Kongreßhalle, im internationalen Reklamejargon „Design Center“ genannt.

Schwer, hinter dieser irritierenden Bezeichnung das Außerordentliche zu vermuten: einen Kristallpalast ganz neuer Art, mit dem die Industriestadt Linz ihren guten architektonischen Anspruch behauptet – nach der Tabakfabrik von Peter Behrens (1935), der Theresienkirche von Rudolf Schwarz (1962), dem Brucknerhaus der Finnen Kaija und Heikki Siren (1974), nicht zuletzt nach dem ORF-Studio, einem der gerühmten fünf Silberbetonbauten, die der Wiener Gustav Peichl für den Rundfunk entworfen hat. Der liegt der neuen Halle, zu der auch ein neues Hotel, ein Restaurant und ein wohlgeformter Platz gehören, genau gegenüber und hat endlich einen Halt bekommen. Architekt des Glaspalastes, mit dem der im vorigen Jahrhundert aufgekommene Bautypus nun eine so intelligente Wendung erfahren hat, ist – zusammen mit Hanns Jörg Schrade – der Münchner Thomas Herzog. Er hatte 1988 den Wettbewerb unter 31 Konkurrenten gewonnen, zusammen mit einem Tragwerksplaner, wie es vorgeschrieben war, mit dem Bauingenieur Kurt Stepan.

Zweierlei ist damit geglückt. Erstens hat der dem Zentrum nahe, aber zerfahrene Stadtteil einen Angelpunkt, die zwischen ORF-Studio und Design Center verlaufende Franckstraße mit dem langgestreckten, sieben Geschosse hohen Hotel eine Fassung bekommen; schon ist nördlich vis-àvis ein lebhaft gegliederter vierstöckiger Bürohauskomplex geplant. Dieser Erfolg für die Stadtentwicklung ist, zweitens, aber auch einer für die Linzer zeitgenössische Architektur – so wie ihr halb so großer Vorgänger, die imponierende Städtische Fleischmarkthalle des Stadtbaumeisters Kurt Kühne von 1928, einer war.

Der Wunsch des Linzer Ausstellungsvereins war eine etwa 15 000 Quadratmeter große flexible, von Tageslicht erhellte, energiesparsame Halle. Darin sollen Messen, Ausstellungen, Kongresse und Tagungen, aber auch Bälle und Bankette möglich sein, manches sogar gleichzeitig. Sie ist 204 Meter lang, 75 Meter breit und 13 Meter hoch. Ihre Architektur ist eins mit ihrer Konstruktion – und eben dies ist es, was sie so außerordentlich macht, aber auch so selbstverständlich erscheinen läßt, ein anspruchsvolles Werk der Baukunst, die auf Intuition und Intellekt vertraut.

Es gehe ja in der Architektur, wie Herzog angemerkt hat, nicht darum, „eine formale Stilrichtung durch eine andere zu ersetzen“, sondern darum, mit neuen Techniken für neue Funktionen eine schlüssige, dem größten ästhetischen Anspruch genügende Gestalt zu finden. So steckt denn die Sensation hier auch nicht in der Form dieser mit 34 flachen stählernen Bögen gebildeten, durchgehend verglasten Halle, sondern in den Beweggründen, die sie hervorgebracht haben.

Selbst der rechteckige Grundriß stiftet keinerlei Aufregung: Die südliche Hälfte nimmt die Messehalle ein; in der nördlichen findet man erstens, rings von einem Foyer umgeben, einen aus dem Untergeschoß aufragenden Konferenzsaal (570 bis 800 Personen), darauf einen von feinen Geländern umgebenen Galerieplatz; findet man zweitens einen großen. Veranstaltungssaal (780 bis 1100 Personen). Seitlich davon ist Platz für ein Café und ein Restaurant, an den Rändern der Messehalle für Büros und Werkstätten. Das ist alles: ein symmetrischer, plausibel geordneter Grundriß. Das Raffinement – und das heißt hier: die Seele der Architektur – wohnt in der klugen Konstruktion ihres hellen Dachs.