Von Freya Eisner

Halb München hat sich am 26. Februar 1919 zur Bestattung des ermordeten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner in Bewegung gesetzt. Nicht ohne Respekt berichtet es die Presse, die zuvor durch gezielte Falschmeldungen über die Politik und die Person Eisners den militanten Gegnern seiner Revolution die Munition geliefert hatte. Schon im Dezember 1918 hatte ein Student ein Attentat versucht und angegeben, dazu durch Zeitungsartikel ermutigt worden zu sein. Auch Eisners Mörder, Leutnant Graf Arco-Valley, stand, unabhängig von Hintermännern, unter dem Einfluß der verbreiteten Unwahrheiten: Der Ministerpräsident sei Bolschewist; er sei kein Deutscher, sondern Galizier und heiße Samuel Kosmanowski; er verweigere den deutschen Kriegsgefangenen die Heimkehr; und er wolle trotz verlorener Wahl nicht zurücktreten.

Eisner, sozialdemokratischer Publizist und Redakteur, hatte sich 1917 nach der Spaltung der Partei den Unabhängigen Sozialdemokraten angeschlossen. Ende Januar 1918 initiierte er in München einen großen Streik der Rüstungsarbeiter und wurde verhaftet. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis Ende Oktober 1918 bereitete er mit seinen Mitstreitern eine revolutionäre Aktion vor, um den Krieg zu beenden und die Monarchie zu stürzen. Sie gelang am 7. November 1918. Es wurde ein Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat gegründet, der Kurt Eisner zum ersten Vorsitzenden wählte. Eisner rief den „Freistaat Bayern“ aus und bildete eine Koalitionsregierung aus Unabhängiger SPD und Mehrheits-SPD. Bei der ersten Landtagswahl nach dem Krieg erhielt seine Partei, die USPD, nur drei Sitze, die MSPD 61. Auf dem Weg zum Landtag, wo er am 21. Februar 1919 seinen Rücktritt erklären wollte, wurde er von Arco-Valley erschossen.

An dem Trauerzug nahmen etwa hunderttausend Menschen teil, unter ihnen, wie Reporter vermerkten, Vertreter auch des geistigen München. In der Tat schätzten unzählige Bürger aus allen Schichten Kurt Eisners Menschlichkeit. Dagegen prägten bekannte Chronisten und honorige Zeitgenossen das Bild einer Feindfigur: Eisner war Jude, Sozialist und Intellektueller, er hatte sich als Gegner des Krieges engagiert und lastete dessen Verursachung dem deutschen Generalstab an. Es haßten ihn daher Nationalisten und Monarchisten ebenso wie antisozialistisch eingestellte Juden. Auf mokantes Befremden stieß sein erklärtes Bemühen, Politik, auch gegenüber den Siegermächten, an Kriterien der Moral auszurichten. Daß er sein Ministerpräsidentengehalt kürzte, erschien manchen Besitzbürgern nicht geheuer.

Nach seinem eigenen Bekunden hatte sich Eisner als Regierender vorgenommen, seine „alten Ideen und Ideale, soweit es möglich, in kurzer Zeit zu fördern“. Es handelte sich um Ideen und Ideale des ethisch begründeten Sozialismus, der in der politischen Theorie des Neukantianismus der Marburger Schule, zu der Eisner gehörte, wurzelt.

Der 1867 in Berlin zur Welt Gekommene (sein Vater Emanuel Eisner war 1827, sein Großvater Hermann Eisner um 1790 im böhmischen Studnitz geboren worden) fühlte sich schon während seines Philosophiestudiums von Kants Ethik angesprochen. Schon als 22jähriger reflektierte er über das Verhältnis des Wollens zum Können und konstatierte, daß „in den Klüften zwischen den drei Hilfsverben Wollen, Sollen, Können der Jammer des Lebens“ liege. Doch hegte er den Glauben, daß das Leben vom Jammer zu befreien sei. Zu jener Zeit zeigte sich bereits seine Sympathie für den Sozialismus.

Nachdem er eine Korrespondententätigkeit aus „idealen Rücksichten und moralischen Skrupeln“ bald wieder aufgegeben hatte, verdingte er sich als Hilfskorrektor bei der Frankfurter Zeitung. Dort hätte er gern Leitartikel geschrieben, doch „die politischen Herren“, die „überhaupt gräßliche Kerls“ seien, ließen „keinen aufkommen“, klagte er.

Im Jahre 1892 erschien Eisners Erstlingswerk „Psychopathia spiritualis. Friedrich Nietzsche und die Apostel der Zukunft“ – eine Auseinandersetzung mit dem „Nietzscheanismus“, der in dem vom Kulturpessimismus befallenen Bildungsbürgertum starken, Anklang fand. Eisner brandmarkt den Immoralismus und die arische Herrenmoral Nietzsches im Rahmen einer Systemkritik an den politischen und sozialen Zuständen und mit der Perspektive einer noch zu schaffenden vernunftgemäß möglichen, solidarischen Gesellschaft. Bewegt vom Geist der Aufklärung, zweifelt er nicht an der sittlichen Grunddisposition und Vernunftbegabtheit der Menschen und hält sie für fähig, ihren berechtigten Egoismus in gemeinschaftliches Handeln einzubringen.

Im Herbst 1893 fand Eisner endlich eine ihm gemäße Stellung an der Hessischen Landeszeitung in Marburg. Neben Leitartikeln für dieses zu jener Zeit der Sozialdemokratie wohlgesinnte Blatt verfaßte er regelmäßig für eine Berliner Wochenschrift „Glossierende Betrachtungen über die politischen Geschehnisse der Zeit“, immer kritisch und oft sarkastisch zugespitzt.

Bismarck verachtete er. Vernichtende Verdikte fällt er über den Liberalismus, der nicht die „Humanitätsidee zum Sieg geführt“, sondern „alle Ideale preisgegeben“ habe, „weil das Geschäft es erforderte“. In der Programmatik des linksliberalen Nationalsozialen Vereins, namentlich in den Anschauungen des Pastors Friedrich Naumann, deckt er die praktische Unmöglichkeit eines sozialen Liberalismus auf. Eisner stand nicht, wie vielfach angenommen, im Lager des Linksliberalismus.

Das Bürgertum seiner Zeit beschreibt er als „müde, skeptisch, brutal, nur noch vertrauend auf materielle Gewalt, das grobe gemeine Interesse zum Gott erhebend, ohne Ideale, Weltanschauung, ja ohne klar zusammenhängende Ideen“. Seine Hinzufügung, daß dieses Bürgertum „ziellos taumelnd dem drohenden Verhängnis zu entrinnen“ suche, vermittelt einen Schlüssel zum Verständnis seiner Politik: Es ist seine Wahrnehmung der dem Kapitalismus immanenten Zerstörungspotentiale, seine Ahnung, daß hier ein Irrweg eingeschlagen wurde, der eine Alternative notwendig macht.

Das „industrielle Laissez-faire“ nennt er eine Welt, „wo man Leben tausendfältig vergiftet“. Er spricht vom „industriellen Massengiftmord“ und prognostiziert die Tödlichkeit des Konkurrenzprinzips, das die Entartung zur Korruption in sich trägt und alle menschlichen Beziehungen vergällt.

Den Wandel dieser ruinösen Daseinsverhältnisse hält er für möglich, jedoch mit dem Vorbehalt – und hier verfällt er gewöhnlich in prophetisches Pathos und bedient sich apokalyptischer Metaphern –, daß der Vollzug dieses Wandels vereitelt und der Untergang der Menschheit heraufbeschworen werde, wenn die Menschen in Saturiertheit verharrten. Unsere heutige Situation gleichsam vorwegnehmend, mahnt er 1893, „daß wir an einem Punkt der Entwicklung angelangt sind, an dem wir Halt machen müssen, um neue Bahnen zu eröffnen“. In diesem Sinn warnt er 25 Jahre später, während seiner Regierungszeit: „Wir gehen entweder zugrunde, oder wir gewöhnen uns an den Gedanken einer neuen Weltordnung.“ – „In keinem Lande ist es möglich, in der bisherigen Weise fortzuwirtschaften.“

Schon 1896 appelliert Eisner an die gelegentlich von ihm zitierten noch „sittlich festen Menschen“, „Hand an[zu]legen, um der Verwüstung des Lebens durch die Gesellschaft Einhalt zu gebieten“. Das „Reinigungswerk“, die „Sanierung des öffentlichen Geistes“, sollten vornehmlich die Publizisten vollbringen. An sie stellt er den überaus hochgespannten Anspruch, Richter und Mahner, Erzieher und Wegweisende zu sein, nicht nur Wortführer, sondern „Tatführer“: „Realisierungsarbeiter der Idee“.

Ende 1898 trat er, 31jährig und beruflich erfahren, in die Redaktion des sozialdemokratischen Vorwärts ein, dessen Leitung er nach dem Tod Wilhelm Liebknechts im Jahr 1900 übernahm. Liebknecht war weder Eisners „Mentor“ noch sein „Gönner“, oder „Lehrmeister“, wie manche Autoren behaupten, weil sie Eisners Befähigung zum Schriftleiter einer großen Zeitung bezweifeln.

Im Richtungsstreit zwischen den „Radikalen“, die dem revolutionären Marxismus anhingen, und den „Revisionisten“, die, reformorientiert, auf ein „Hineinwachsen“ des Gegenwartsstaats in den Sozialismus hofften, wirkte Kurt Eisner zwischen den Fronten. Aus seinen Leitartikeln, die zwar ungezeichnet erschienen, aber als aus seiner Feder stammend zu identifizieren sind, geht hervor, daß er der Sozialdemokratie den Weg zu weisen suchte – einerseits zu einer konstruktiven Oppositionspartei, andererseits zu einer aktiven Systemveränderungspartei. Was ihm vorschwebte, war eine „Volkspartei“, die dem Umgestaltungsziel verpflichtet blieb.

Dabei war Eisner der Ansicht, der Marxismus lasse sich mit Kants Ethik verbinden. Er negierte, daß es sich um zwei unterschiedliche Denkrichtungen handelt, deren Konsequenzen sich gegenseitig ausschließen: Stand für die Marxisten fest, daß der Sozialismus ökonomisch gesetzmäßig kommen müsse, so war der Standpunkt ethischer Sozialisten wie Eisner, daß der Sozialismus kommen solle. Während das Sollen die politisch bewußte Tat verlangte, für die Eisner mit Imperativen wie „Erziehung zur Tat!“, „Sozialismus der Aktion!“, „Tatkräftiges, tägliches Eingreifen in die Politik!“ plädierte, rechtfertigten die Marxisten, fixiert auf die Unvermeidlichkeit des Sozialismus, ihre politische Enthaltsamkeit, die von Eisner ungehalten als „Politik des demonstrativen Nichtstuns“ verworfen wurde.

Statt dessen forderte Eisner eine „logische Einheit von Agitation und Aktion“. Im notwendigen Protest gegen die kapitalistischen Verhältnisse sollte der Gestaltungswille einer künftigen Ordnung, eines „freiheitlichen Sozialismus“ deutlich werden und „keiner Gegenwartsarbeit aus dem Weg“ gegangen, „aber auch kein Mittel verschmäht“ werden, „weder der Kompromiß noch die Revolution“.

Eisner definiert sich selber als „der Dritte“, der zwischen gängigen Einstellungen eigenständige Positionen vertritt. So grenzte er sich während seiner Regierungszeit (November 1918 bis Februar 1919) sowohl gegen die verbürgerlichten Sozialdemokraten ab als auch gegen die Bolschewiki und „ihren deutschen Nachtrab“. Nach seiner Auffassung hatte man in Rußland „den Sozialismus nicht begriffen“. Auf „russischem Wege“, so erklärte er, könne „die Demokratie und die sozialistische Gesellschaft“ nicht errichtet werden.

Seine Konzeption eines „Dritten Weges“ stieß zwar 1918/19 auf mehr Verständnis denn in der Vorkriegszeit, als er bereits der Sozialdemokratie seine grundlegenden Intentionen nahebringen wollte, zumal da er ihre Anpassung an den Kapitalismus voraussah. Doch hier wie dort überforderte er die Bereitwilligkeit der Menschen, ausgetretene Pfade zu verlassen und „neue Wege“ zu beschreiten, wie er als Ministerpräsident forderte

Seine Politik wird denn auch gern mit dem Gemeinplatz umschrieben, er habe sich zwischen alle Stühle gesetzt. Obgleich er selber wiederholt seine „schroffe Gegnerschaft“ zum Revisionismus der Sozialdemokraten betont hat, ordnet man ihn in einer ganzen Reihe einschlägiger Bücher undifferenziert dieser Richtung zu.

Da er in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg mit einem früher oder später ausbrechenden Konflikt innerhalb des bürgerlichen Regierungssystems rechnete, der es den Sozialdemokraten ermöglichte, in einer entschlossenen Aktion die Macht zu erobern, erwartete er von ihren Politikern Regierungsfähigkeit. Im Vorwärts wie auch später in der Fränkischen Tagespost sowie – gemeinsam mit gleichgesinnten Parteifreunden – auf Parteitagen unterbreitete er Vorschläge für eine zielgerichtete sozialdemokratische Parlamentsarbeit. Sie wurden jedoch von den führenden Funktionären als „Überschätzung des Parlamentarismus“ bekämpft.

Darüber hinaus regte Eisner die Organisation außerparlamentarischer Bewegungen an; er wollte sozusagen die Basis mobilisieren. In Massenversammlungen sollte sie die Arbeit der sozialdemokratischen Mandatsträger unterstützen und auch kontrollieren und zugleich Wähler der bürgerlichen Parteien gewinnen. Doch solcherart Impulse – sie sagen etwas über Eisners Demokratieverständnis aus – wies man in der Partei als „utopistisch“ zurück.

Unwillen erregte er auch, weil er die Delegierten fortgesetzt tadelte, daß sie sich auf den Parteitagen in unfruchtbaren Theoriedebatten ergingen, anstatt, worauf er drängte, über „Fragen der aktuellen Politik“ zu sprechen und „die Genossen der praktischen Arbeit“ zu Wort kommen zu lassen. Namentlich die orthodoxen Marxisten Karl Kautsky und Franz Mehring betrieben seine Entfernung aus dem Vorwärts.

Als Chefredakteur des Parteiblatts Fränkische Tagespost nahm er weiterhin seinen eigenen Impetus zum Maßstab für die politische Arbeit, die bereits im Gegenwartsstaat zu leisten sei. So wollte er die sozialdemokratische Presse „an die Spitze aller Organe der öffentlichen Meinung“ befördern und die Bildungsarbeit nicht, wie Rosa Luxemburg, einer „intelligenten Elite“, sondern allen Parteimitgliedern zugute kommen lassen. Wiederholt beantragte er, die Agrarfrage zu behandeln. Die Partei sollte sich auf dem Land Einfluß verschaffen.

Schließlich verlangte er von der Partei, sich mit den „Wandlungen in der Weltpolitik“ und deren „wirtschaftlichen und politischen Folgen“ zu befassen. Nach der ersten Marokkokrise 1905 begann er, vor einem von der kaiserlichen Regierung heraufbeschworenen Krieg zu warnen und die Sozialdemokratie zu internationaler Abwehrbereitschaft aufzurufen. In der Partei spottete man daraufhin über Eisners „Weltpolitikasterei und Kriegsprophetie“.

Eisners vielfältige Initiativen wurden als „Phantasterei“ und als „schwärmerisch“ verhöhnt, dabei jedoch unrichtig wiedergegeben. Er wurde nicht nur als „Ethiker“, sondern auch als „Schöngeist“ abgewertet, der von Politik nichts verstehe. Zu dieser Einschätzung hat er indes selber beigetragen, denn er schrieb neben seinen Leitartikeln, über die sich die führenden Funktionäre ärgerten, in irritierender Fülle auch Feuilletons. Zumeist genügten sie dem klassisch aufklärerischen Anspruch, kurzweilig zu belehren und zu kritischem Denken anzuregen; doch floß ihm auch viel Leichtgewichtiges aus der Feder. Damit erlaubte er seinen innerparteilichen Gegnern, einer Diskussion über seine politischen Forderungen auszuweichen, und begründete seinen Ruf als „Feuilletonist“ und „Literat“ – Wertungen, die nicht nur in der Parteigeschichte zu finden sind.

Dennoch wurde Kurt Eisner – was von den Historikern übersehen wird – von den SPD-Mitgliedern des 1. Anhalter Wahlkreises als Kandidat für die Reichstagswahl 1912 aufgestellt. Wegen „Veränderung seiner beruflichen und persönlichen Verhältnisse“ – er übersiedelte von Nürnberg nach München – hat er allerdings die Kandidatur niedergelegt. Da Wolfgang Heine, der sie übernahm, das Mandat 1912 erhielt, kann angenommen werden, daß auch Kurt Eisner in den Reichstag gelangt wäre.

Eine seiner „alten Ideen“ war es, den Parlamentarismus lebendiger zu gestalten. Deshalb konzipierte er als bayerischer Ministerpräsident eine Synthese von Räten und Parlament. Die Räte dachte er sich als eine multifunktionale, basisdemokratische Komponente zum Landtag, geeignet, inner- und außerparlamentarische Aktivitäten zu verknüpfen und einen „Selbsterziehungsprozeß des Volkes“ einzuleiten.

Überzeugt, „daß die Schäden der Demokratie nur durch mehr Demokratie überwunden werden können“, setzte er sich für das Referendum ein. Den Volksentscheid betrachtete er als „Vollendung des demokratischen Gedankens“, weil so „alle Staatsbürger zu unausgesetzter politischer Mittätigkeit herangezogen werden“ und das Recht hätten, „gegen eine gesetzgeberische Arbeit des Parlaments einzuschreiten, die mit den Wahlversprechungen der Kandidaten und mit dem Willen der Wähler nicht übereinstimmt“.

Außerdem rief er ein berufsständisches Parlament ins Leben, dessen Vertrauensleute Sitz und Stimme im provisorischen Nationalrat erhielten, der nach der Münchner Revolution vom 7. November 1918 gebildet worden war. In ihm saßen auch je fünfzig Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte. Eisners Wirtschaftsprogramm sah eine Verstaatlichung „unter demokratischer Kontrolle“ vor – vor allem der Bergwerke und der Schwerindustrie daneben Formen gemeinwirtschaftlicher und gemischtwirtschaftlicher Unternehmen, Doch sollte kein staatsbürokratischer Kapitalismus geschaffen, vielmehr die Privatinitiative aller Arbeitenden „psychisch sozial in den Dienst der Gesamtheit gestellt werden“. Er versäumte aber nicht den Hinweis, daß sich Sozialisierung im eigentlichen Sinn nur „weltwirtschaftlich“ durchführen ließe.

Aber nicht nur die rigorosen Waffenstillstandsbedingungen der Alliierten und die katastrophal schlechte Versorgung der Bevölkerung engten den Handlungsspielraum der Revolutionsregierung ein. Für eine wirtschaftspolitische Umgestaltung, wie sie der unabhängige Sozialdemokrat Kurt Eisner plante, fand er auch nicht die Zustimmung seiner mehrheitssozialdemokratischen Kabinettskollegen. Während für den Ministerpräsidenten – übereinstimmend mit den maßgebenden Berliner USPD-Politikern – die Revolution eine Quelle der Rechtsschöpfung darstellte, also strukturverändernde Reformen erlaubte, wünschten die Mehrheitssozialdemokraten die sofortige Ausschreibung freier Wahlen.

Auf der anderen Seite wiegelten Anarchisten und Kommunisten – in Eisners Urteil „Wirrköpfe“, die „nur psychologisch, aber nicht logisch zu begreifen sind“ – die Arbeitslosen gegen seine Regierung auf und verschafften, kontraproduktiv, damit den rechtsradikalen Verschwörern Zulauf. Ihre Parole „Alle Macht den Räten“ galt in den Augen Eisners als eine „unvollziehbare Wahnvorstellung“. Während der Konferenz der Länderregierungen am 25. November 1918 in Berlin beschwor er den Spartakistenführer Karl Liebknecht, der ebenfalls „alle Macht“ – Legislative, Exekutive, Judikative – den Räten zu übertragen forderte, seine aufrührerische Propaganda einzustellen und beim Aufbau eines demokratischsozialistischen, föderalistisch gegliederten Staatswesens mitzuhelfen. Liebknechts Absage veranlaßte Eisner zu der bemerkenswerten Feststellung: „Die Revolution scheitert. Ohne L[iebknecht] wäre nie alles gescheitert.“

Obwohl inzwischen mehrere Publikationen vorliegen, die der Politik Eisners gerecht werden, wird sein Wirken, insbesondere von als links sich verstehenden Autoren, nach wie vor tendenziös mißdeutet. Falsch ist die Behauptung, Eisner, der den Freistaat Bayern proklamierte, habe die „Räterepublik“ ausgerufen. Dieses abenteuerliche Unternehmen wurde erst sieben Wochen nach Eisners Ermordung, als deren fatale Folge, von Anarchisten und Kommunisten inszeniert. Ebenso falsch ist es, die hundert Tage der Revolutionsregierung Eisner unter die knapp drei Wochen währende Räterepublik zu subsumieren, falsch auch die Einbeziehung Eisners unter die „Literaten der Räterepublik“.

Noch vor fünf Jahren wurde in der Frankfurter Rundschau anhand falsch wiedergegebener Eisner-Zitate der Anschein erweckt, er sei ein Verfechter des „bürgerlichen“ Parlamentarismus gewesen und habe die Räte entmachtet – ganz wie es die Kommunisten behaupten. Eine Methode der Verfälschung ist es, nur Eisners idealistische Rhetorik herauszuziehen, um ihn als „weltfremd“ zu denunzieren.

Die Verunglimpfung Kurt Eisners – nach seinen eigenen Worten von „leichtfertiger und auch bösartiger Natur“ – hat in der SPD eine bald hundertjährige Tradition. Der Chefredakteur des Vorwärts, der extrem rechte Sozialdemokrat Friedrich Stampfer, bezeichnete 1918/19 die Ministerpräsidentschaft Eisners, ohne auf deren politische Ziele einzugehen, als „Kasperlekomödie“. Auch die bis heute übliche Diffamierung Eisners als „Schwabinger Bohemien“ und „Schwabinger [Kaffeehaus-] Literat“ ist auf Stampfers Invektive zurückzuführen. Weder wohnte Eisner in Schwabing, noch verkehrte er dort. In seinen – und in den von ihm lancierten – Nachrufen stellte Stampfer dann Kurt Eisner als gemeingefährlichen Exzentriker dar: eine Charakterisierung, für die er keinerlei Belege anführte und die er auch in seinen Memoiren nicht korrigierte. Noch angereichert, wurde dieses Zerrbild 1989 zum 70. Todestag und 1992 zum 125. Geburtstag Kurt Eisners erneut verbreitet – vom verantwortlichen Redakteur der von der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegebenen Neuen Gesellschaft / Frankfurter Hefte.

Eine kritische Untersuchung des rund drei Jahrzehnte währenden publizistischen und politischen Schaffens Kurt Eisners erweist diese Charakterisierung als falsch.