Helmut Kohl und die Kraft zur Selbstbeschwörung: Was wäre die CDU ohne ihn – und was ist sie mit ihm?Des Kanzlers letztes Gefecht

Von Robert Leicht

Der Kanzler in der Rolle des Barons von Münchhausen: Ein Politiker versucht, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Daß Helmut Kohl in sein letztes Gefecht geht, das ist gewiß; noch einmal wolle er es wissen, hat er schon oft gesagt. Wenn dies sein letzter Sieg würde, so wäre dies freilich in vieler Hinsicht mehr als ein Wunder.

Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik ist eine Regierungspartei unter so miserablen Voraussetzungen in einen Wahlkampf gezogen. Seit Helmut Kohl regiert, hat die Union in Westdeutschland von Wahl zu Wahl an Stimmen verloren. Das gilt selbst für die scheinbar so triumphale Einheitswahl des Jahres 1990; damals haben nur die überschäumenden Erwartungen in Ostdeutschland das Ergebnis für die CDU/CSU günstiger erscheinen lassen. Doch mit diesem Sonderbonus kann Kohl vier Jahre danach nicht mehr rechnen. Im Gegenteil, Ostdeutschland wird die Wahlbilanz der Union 1994 mit einem deutlichen Malus nach unten korrigieren.

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Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik hat ein Kanzler viermal hintereinander ein volles Mandat errungen. Als Konrad Adenauer 1961 zum vierten Mal antrat, übrigens auch nach einer dramatischen Fehleinschätzung der Bundespräsidentenwahl, bekam das Regierungsbündnis vor allem deshalb wieder eine Mehrheit, weil einer der Koalitionspartner, die FDP, den Wählern mit großem Stimmenerfolg verheißen hatte: mit der Union, aber ohne Adenauer. Hernach mußte sich der „Alte“ auf eine demütigende Wahlkapitulation einlassen: Nur noch zwei Jahre wurden ihm zugestanden.

Die vierte Legislaturperiode, das lehrt dieser Blick in die Tradition, bedarf offenbar vor den Wählern einer besonders zwingenden Begründung. Doch worin sollte diese liegen? Was hätte eine Regierung nach zwölf Jahren noch Neues zu bieten? Wie soll ein Regierungschef beim vierten Mal bewirken, was er dreimal zuvor unterlassen hat – und das angesichts der enormen Verschleißerscheinungen eines solchen Amtes?

Im Falle Kohls kommt noch hinzu, daß selbst ein wundersamer Sieg bei den Bundestagswahlen politisch nur in die Sackgasse führen würde. Bis dahin hat die Union nach aller Voraussicht in zwei der ostdeutschen Bundesländer ihre Mehrheit verloren und die SPD erst einmal die Zweidrittelmehrheit im Bundesrat in der Hand. Kohl zieht also in ein Gefecht, in dem es selbst im Erfolgsfalle gar keinen Sieg geben kann, sondern allenfalls eine nervtötende Blockade. Lohnt es sich überhaupt, dafür zu kämpfen?

Helmut Kohl, das zeigte auch sein Auftritt auf dem Hamburger CDU-Parteitag, reagiert auf diese unmögliche Herausforderung mit einer halsbrecherischen Mischung aus kaltem Realismus und nacktem Realitätsverlust. Er setzt in dieser Situation ausschließlich auf das einzige, was er nie besessen hat: den Kanzlerbonus. Diese Selbstbeschwörung fällt so atemberaubend aus, daß selbst sein ewiger Kritiker Heiner Geißler – einer der wenigen, die weder etwas zu verlieren noch unmittelbar etwas zu gewinnen haben – in sarkastischer Bewunderung und voller Chuzpe formuliert: „Nur wer sich selber imponiert, kann auch anderen imponieren.“

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