Der Mensch sei wie ein Klavier, sagt Semmy Riekerk, die Umstände spielten die Tasten. „Im Krieg haben sie die hohen und die tiefen Töne zum Klingen gebracht.“ Er weist es weit von sich, ein „guter Mensch“ zu sein: „Ich hatte nur die Gelegenheit – und ich fällte die richtige Entscheidung.“ Riekerk ist einer von 105 Menschen in acht Ländern, die Malka Drucker und Gay Block aufsuchten, um eine unerhörte Geschichte aufzuzeichnen. Sie ahnten bei Beginn ihrer Arbeit, daß der Holocaust in der Dichotomie zwischen Tätern und Opfern nicht aufgeht. Beide Seiten gab es ohne Frage; die Opfer hatten kaum eine Wahl, die Täter wohl.

Drucker und Block interessierten Menschen, die an einem bestimmten Punkt die richtige Wahl trafen – nicht Zuschauer zu bleiben oder Helfer der Nazis zu werden, sondern den Bedrängten und Verfolgten zu helfen. Warum halfen sie? Einige, weil sie nicht verstehen konnten, warum ihnen plötzlich der Umgang mit ihren jüdischen Nachbarn verboten wurde, oder weil sie im richtigen Moment nicht nein sagen konnten, als ein alter Bekannter bat, sein Kind in Obhut zu nehmen. Andere konnten ihre Augen nicht verschließen; sie halfen, weil sie das gleiche für eine hungrige Katze getan hätten, wie Stefan Raczynski sagt: „Wenn die Juden hungrig aus dem Wald kamen, mußte man sie einfach füttern.“

Malka Drucker zeigt uns in ihren einfühlsamen Texten nicht die „guten Menschen“, hinter deren Schultern wir uns verstecken könnten, und nicht die „Heiligen“, mit denen sich niemand mehr messen müßte. Die hier berücksichtigten 49 Lebenswege wurden nicht geschönt, geglättet oder anderweitig auf das Maß unserer Erwartungen reduziert. Durch die Photographien von Gay Block bekommen die Geschichten Gesichter. Diesem Buch wünscht man viele Leser und einen deutschen Verlag, der es in einer ähnlich liebevollen Edition herausbringt. Matthias Heyl

  • Gay Block/Malka Drucken

Rescuers

Portraits of Moral Courage in the Holocaust; Holmes & Meier, New York/London 1992; 255 S., 30,– Dollar

Oskar Schindler ist nur einer von vierzig „stillen Helden“, die Eric Silver in seinem soeben erschienenen Buch portraitiert hat: „Sie waren stille Helden“ (Frauen und Männer, die Juden vor den Nazis retteten; Hanser Verlag, München 1994; 252 S., 29,80 DM).